Reisebericht Seoul - Taiwan - Hongkong
Arbeitstitel: "Wie das Leben so spielt" oder "Wenn einer eine Reise tut..."

Fotogalerie Seoul
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Häuserecke in den Straßen Seouls Koreanischer Nationalsport: Brettschaukeln Straße in Seoul

Sonnenuntergang über SeoulSonnenuntergang

Sonnenuntergang über SeoulKimchifässer

Straße in Seoul Opferaltar Tempel in Seoul
Sonnenuntergang über den Dächern von Seoul

Eigentlich hatte ich mir alles sooo schön vorgestellt, als am Freitag, dem 23.06.2000 fast pünktlich um 14.00 Uhr Feierabend war und ich langsam in Urlaubsstimmung geriet. Am Tag darauf sollte es zusammen mit Margaritha, einer Kollegin, via Seoul nach Taiwan und zurück über Hongkong gehen. In Seoul und Taiwan hat jeweils einer von uns beiden eine Anlaufstelle, so daß wir in Seoul bei meiner Freundin Caren und in Taiwan bei Margarithas Bekanntem Chris Unterschlupf finden würden. Der Flug hatte sich in letzter Minute noch verschoben, so daß wir sogar noch früher losfliegen konnten und noch etwas mehr vom Urlaub habenwürden. Eine Woche lang Urlaub, Abenteuer, Erlebnisse. Von den beiden letzteren Vorkommnissen gab es dann letztendlich mehr als von der zu dem ersteren passenden Stimmung...

Angefangen hatte es damit, daß ich statt gemütlich den Koffer zu packen, am Freitag Abend gegen 18.00 Uhr nochmal in die Botschaft fahren mußte, weil der Visaserver kaputt gegangen war und ich dabei helfen sollte, ihn unter Anleitung von Spezialisten in Deutschland wieder zum Laufen zu kriegen. Aber da hatte ich noch das gute Gefühl, daß der Urlaub danach nicht mehr aufzuhalten sei.

Am Samstag Morgen regnete es in Strömen, als Beate Margaritha und mich zum Flughafen fuhr. Was waren wir dankbar dafür, nicht im Platzregen mit dem Taxi zum Flughafen zu müssen! Der Abflug nach Seoul verlief reibungslos und schon bald saßen wir im Flugzeug nach Korea und wunderten uns, daß die Koreaner entweder keine besonders hellen Köpfe oder aber absolut keine Vielflieger sind, da ihnen die Bedienung der Bordtoilette erhebliche Schwierigkeiten verursachte. Zuerst hatten sie ihre liebe Mühe, der Tür den Trick zu entlocken, wie man sie öffnet und sobald sie dann einmal drin waren, hatten sie den Trick bereits wieder vergessen und rüttelten so verzweifelt von innen an der Tür, daß man Angst hatte, die Tür würde es nicht überleben. Von 10 Klobenutzern waren höchstens zwei dieser Technik gewachsen und da wir den "Logenplatz" direkt vor dem Örtchen hatten, amüsierten wir uns prächtig. Natürlich gab es auch nach Start und vor Landung die üblichen "Runs" auf das dann gar nicht mehr so stille Örtchen und zahlreiche Koreanerfüße, Mundgerüche und Geschnatter überrollten uns in der ersten Reihe, aber wir ertrugen das alles mit der stoischen Gewißheit, uns wie "zu Hause in Peking" zu fühlen.

Nachdem wir nach 110 minütigem Flug in Seoul gelandet waren, mußten wir feststellen, daß Caren uns nicht am Flughafen abholte, wie ich eigentlich glaubte, daß es ausgemacht gewesen sei. Aber da ich die Mail der geänderten Abflugszeit in letzter Minute abgeschickt hatte, dachte ich, sie hätte nicht mehr genug Zeit gehabt, uns Bescheid zu sagen, daß sie nicht früher kommen könnte. Da ich vor etwas über einem Jahr bereits schon einmal in Seoul gewesen war, war es auch kein verlustbringender Beinbruch, sich selbständig auf den Weg Richtung Carens Wohnung zu machen. Ich tauschte Geld, erkundigte mich nach dem Shuttlebus zum Hyatt Hotel und kurze Zeit später saßen wir im Bus. Vom Hyatt aus ist es nicht mehr weit bis zu Carens Wohnstätte und nachdem ich einmal da war, konnte ich aus meiner Erinnerung die richtige Laufrichtung heraufbeschwören.

So standen wir ca. 2 Minuten später auf dem Parkplatz, der vor Carens Wohnblock liegt und hier verließ mich meine genaue Ortskenntnis. Die Häuser der Häuserreihe sehen alle gleich aus und ich wußte nicht mehr, welche Hausnummer die von Caren ist. Ich ging in das erstbeste hinein, von dem ich (wie sich später herausstellte richtigerweise) annahm, daß Caren dort wohnt und inspizierte die Wohnungstüren, als ein Franzose mir im Treppenhaus entgegenkam. Wir fragten ihn, ob eine junge Deutsche in diesem Haus wohne, was er mit "Nein, eine Schwedin." beantwortete. Er war sehr bemüht uns zu helfen, doch wie sich später herausstellen sollte, war die "Schwedin" die von uns gesuchte Caren, zugegebenermaßen blond.

Es half alles nichts, weder Caren noch ihre Wohnung konnten wir allein ausmachen und so nahmen wir also langsam an, daß sie auf dem Weg zum Flughafen war, um uns abzuholen, da sie anscheinend meine Mail nicht mehr erhalten hatte. Wir setzten uns also auf die Türschwelle und statt uns wie geplant am Samstag nachmittag Seoul anzusehen, hockten wir dort bis abends gegen 17.00 Uhr, als Caren vom Flughafen zurück kam. Am nächsten Morgen mußten wir früh raus, um unseren Weiterflug nach Taiwan zu erwischen. Da ich Caren nur diesen einen Tag sehen würde, quatschten wir beide noch bis tief in die Nacht hinein. Am nächsten Morgen, als um halb sieben der Wecker klingelte, war ich entsprechend gerädert und die zweite Nacht mit wenig Schlaf (in der Nacht vor Abreise in Peking hatte ich sehr schlecht geschlafen) zauberte mir ein saftiges Schädelbrummen ins Haupt.

Wir fuhren wieder den bekannten Weg zum Flughafen mit dem Shuttlebus und checkten ohne Probleme ein für den Flug nach Taipeh. Nach 2.50 Stunden erreichten wir Taipeh und gingen zielstrebig Richtung Immigrations Schalter. Wir hatten uns vor Abreise bei Kollegen, die schon einmal nach Taiwan geflogen sind erkundigt, ob ein Visum für Taiwan nötig sei und hatten die Antwort bekommen, nein, Deutsche brauchen kein Visum, aber man solle auf jeden Fall mit dem normalen Reisepaß einreisen und nicht mit dem Diplomatenpaß, da bei letzterem Schwierigkeiten bei der Wiedereinreise nach Peking entstehen könnten. Taiwan und VR China sind ja bekanntermaßen nicht gerade die dicksten Freunde... Frohen Mutes legte ich also meinen Reisepaß vor, von dem ich mich noch gefreut hatte, daß er nun endlich doch noch zum Zuge kommen würde, da ich ihn seit Ausstellung nicht ein einziges Mal hatte nutzen können. Aber dann wurde ich plötzlich zum Staatsfeind Nr. 1 erklärt und ein hektisches Gerenne fing an. Der Zollbeamte fragte mich noch, mit dem Finger auf das Gültigkeitsdatum meines Passes, wie lange der Paß gültig sei und ich sagte wahrheitsgetreu "bis zum 1.11.00", ich dachte, er habe Schwierigkeiten zu erkennen, ob es Januar oder November sei, da die Reihenfolge des Datums in verschiedenen Ländern willkürlich gehandhabt wird. Aber dann wurde mir erklärt, ich könnte nicht einreisen, denn wenn der Paß weniger als sechs Monate gültig sei, müsse ich ein Visum haben und das habe ich offensichtlich nicht.

Margaritha war schon durch den Zoll durch, ihr Paß war also noch gültig. Meinen Diplomatenpaß wollte ich wohlweislich nicht herausholen und ich war geschockt, glaubte aber noch immer, es ließe sich schon was machen. Der Zollbeamte lief mit meinem Paß los und verschwand erst einmal, nachdem man mich von der Schlange weggelotst und im "Niemandsland" zwischen Taiwan und Grenzstreifen zur Außenwelt geparkt hatte. Margaritha, die schon jenseits der Schranke stand, wurde noch einmal zurück gelassen, bekam sogar Hilfestellung, eine Telefonkarte zu besorgen und telefonierte mit ihrem Bekannten Chris und mit der Deutschen Vertretung in Taipeh. Beide konnten aber nichts machen, da die Vertretung in Taipeh nicht offiziell anerkannt ist, also nicht als Botschaft arbeitet, kann sie auch keine Pässe verlängern oder gar ausstellen. Nachdem ich ca. eine Dreiviertelstunde dort gesessen hatte und mir zum Heulen zumute war, kam Margaritha zurück, erklärte, sie habe nichts erreichen können und auch die Zollbeamten und die Frau von der Fluglinie, die sich um "den Fall" kümmerte, konnte nichts anderes tun, als meine Flüge umbuchen und mich schnurstracks wieder in ein Flugzeug verfrachten.

Meine Tasche, die ja schon auf dem Rollband seine Runden fuhr wurde zurückbeordert und ich dachte noch, als Margaritha ging, um ihren und meinen Koffer zu holen, ich würde sie nochmal zu Gesicht bekommen, aber man ließ sie wohl nicht mehr zu mir. Meine Möglichkeiten bestanden jetzt aus vier verschiedenen Varianten, wie ich mich entscheiden konnte:

a) den Flug nach Hongkong, der eigentlich erst für den kommenden Freitag geplant war, sofort antreten, dort meinen Paß verlängern lassen und am nächsten oder übernächsten Tag, je nach dem wie lange es dauern würde, zurück nach Taiwan. Dies würde weitere Flugkosten für die Strecke Taiwan Hongkong und zurück ergeben, vermutlich ungefähr 500 DM, ergeben, zusätzlich müßte ich ein teures Hotel nehmen und würde die meiste Zeit des Urlaubs im Flugzeug bzw. auf Flughäfen verbringen.

b) über Hongkong direkt wieder nach Peking fliegen und den Urlaub abblasen, diese Möglichkeit hätte keine weiteren Kosten aufgeworfen, evtl. nur eine Übernachtung in Hongkong, je nachdem wie die Verbindung nach Peking laufen würde.

c) nach Hongkong fliegen und dort die Woche allein verbringen, bis Margaritha am Freitag nachkommen würde. Diese Variante würde Übernachtungskosten von zusätzlichen 800 DM aufwerfen, mal abgesehen von den Kaufschlachten, die alleine in Hongkong wohl ausfechten würde.

d) ein Ticket nach Seoul kaufen, den Flug nach Hongkong verfallen lassen und meinen Resturlaub getrennt von Margaritha in Seoul verbringen. Von dort aus konnte ich dann versuchen, am Wochenende nach Hongkong zu fliegen, sofern ich so kurzfristig einen Flug bekommen würde. Dies würde mich allein an zusätzlichen Flügen 1.300 DM kosten.

Ich entschied mich für die letzte Variante und pfiff auf das Geld, wenn ich bloß nicht völlig allein Urlaub machen mußte oder nur noch in Flugzeugen leben müßte. Der Rückflug nach Seoul ging allerdings erst abends gegen 18.00 Uhr ab und solange mußte ich nun im Transitbereich des Flughafens Taipeh sitzen und der Dinge harren. Meine Kopfschmerzen hatten sich mittlerweile, wohl auch wegen der "erfrischenden Erlebnisse" zu einer ausgewachsenen Migräne ausgewachsen und die Tatsache, daß nicht einmal irgendwo eine Bank stand, auf der ich mich wenigstens die fünf Stunden Wartezeit langstrecken und etwas schlafen konnte, erhöhte meine Stimmung nicht sonderlich.

Um 19.00 Uhr saß ich dann endlich mit Verspätung im Flugzeug zurück nach Seoul und kam dort um 22.30 Uhr an. Ich erwischte noch den letzten Shuttlebus zum Hyatt Hotel und stand um 23.30 Uhr wieder bei Caren vor der Tür. Sie guckte mich an, als habe ich in der Zwischenzeit Margaritha um die Ecke gebracht und suche nun einen Unterschlupf vor der Polizei, als ich da so völlig entnervt, demotiviert und deprimiert vor ihrer Tür stand. Aber ein großer Dank an den lieben Gott oder wer auch immer dafür zuständig ist, daß man mir so gute Freunde geschenkt hat, ich fand Asyl und durfte bei Caren bleiben, so lange ich es für nötig hielt.

Den Montag verbrachte ich dann eigentlich fast nur im Bett, eine Mischung aus Frust, Migräne und schlechtem Wetter (unerträgliche Hitze und Regen) dämpfte meine Unternehmungslust. Immerhin schaffte ich es, mich einmal auf die Itaewon, der Einkaufsstraße von Seoul, zu schleppen und mich dort umzusehen.

Seoul ist eigentlich eine sehr hübsche Stadt, viel bunter als Peking und irgendwie quirliger. Die Stadt besteht aus einer riesigen Anhäufung von Hügeln, so daß man ständig entweder sehr steil abwärts oder steil aufwärts geht. Bei der herrschenden Hitze war das ein anstrengender Aspekt der Stadt, aber andererseits verleiht es dem Stadtbild auch einen gewissen Charme. Eine Redewendung besagt, daß die Koreaner "die Italiener Asiens" seien, was man beim Anblick von üppig bepflanzten Balkonen und Treppen, den engen und verwinkelten Gassen und den lebenslustigen Bewohnern nur bestätigen kann. Die Häuser haben auffallend bunte Dächer und bei einem Aufstieg auf das Dach von Carens Wohnhaus, erlebte ich einen atemberaubenden Ausblick auf Seoul, den Tower, und das die Halbinsel umgebende Wasser. Der Sonnenuntergang, den ich dort oben stehend am Dienstag erlebte, war wirklich wunderschön und kostete mich zahlreiche Fotos. Die Versorgungslage in Seoul ist vergleichbar mit der Pekings; Dinge, die man in Peking kaufen kann, gibt es in Seoul vielleicht nicht, aber dafür gibt es dort wieder andere Sachen, die wir in Peking teilweise schmerzlich vermissen. Der Kleidermarkt war enttäuschender als der in Peking, der Geschmack des Westens hat sich dort noch nicht so durchgesetzt. Das Fahrverhalten ist zwar nicht unbedingt mit Deutschland zu vergleichen, aber immerhin doch so geregelt, daß ich keine Panik hatte, wenn es darum ging, eine Straße zu überqueren. Englisch wird häufiger gesprochen, als es bei uns der Fall ist, so hatte ich z. B. ein Erfolgserlebnis, als ich in einer Drogerie auf Englisch um Nagellackentferner bat und ohne viel Federlesens tatsächlich genau das Gesuchte vor mich hingestellt wurde. Ich erinnerte mich an meinen Versuch, in Peking an eine Flasche Nagellackentferner zu kommen, was mich einige Mühe und ziemlich viel pantomimisches Geschick gekostet hatte. Die Orientierung in der Stadt ist anhand der zahlreichen Hügel recht schwierig, zwar hatte ich mir nach einem gemeinsamen Gang mit Caren den "Trampelpfad" zur Einkaufsstraße gemerkt, aber große Abweichungen davon traute ich mir nicht zu, da ich Angst hatte, mich hoffnungslos zu verlaufen. Man kann nicht, wie in Peking gewöhnt, immer ein Hochhaus im Blick halten und sich dort drauf zuhalten, wenn man wieder zurück will, weil die Hügel jede Weitsicht verhindern. So quält man sich von Ecke zu Ecke und hofft, nicht vom Weg abgekommen zu sein. Dafür ist aber der Nahverkehr besser organisiert, Bus fahren ist kein Problem und man findet sich auch ohne die koreanische Sprache zu beherrschen, leicht zurecht.

Dienstags bescherte eine strahlende Sonne wunderschönes Wetter, so daß ich mich noch einmal in Richtung Itaewon Straße aufmachte und ausgiebig dort flanierte. Außerdem holte ich das von Caren dankbarerweise organisierte Ticket nach Hongkong im Reisebüro ab. Caren hatte außerdem zwei Touren für mich gebucht, die ich am Donnerstag unternehmen würde. Morgens die Tour "Good Morning Seoul", bei der man sich den Palast, das Völkerkundemuseum, den Regierungssitz und einen buddhistischen Tempel ansah, nachmittags eine Tour zu einem Antiquitätenmarkt, einem Flohmarkt und einer touristisch angehauchten Souvenir- und Einkaufsstraße.

Ich war die einzige Teilnehmerin an beiden Touren und so hatte ich meine Führerin immer für mich allein, was die Sache natürlich auch etwas anstrengender machte, denn obwohl ich ganz offen gesagt der Meinung war, daß es sehr sehr große Ähnlichkeiten zu chinesischen Palästen, Tempeln und Museen gab, mußte ich selbstverständlich mit größtem Interesse an die Kultur Koreas herangehen.

Der Palast war wirklich nicht sehr viel anders, als ein Palast, den man sich in Peking ansieht. Viele Gebäude waren von den Japanern im Krieg zerstört worden und die restlichen, die noch standen befanden sich in einem hübsch angelegten Park. Der allgemeine Eindruck des Palastes wirkt sehr ordentlich und besser gepflegt als in China.

Das Museum hatte einige Kuriositäten zu bieten, wie u. a. Traditionen der Koreaner, die doch stark von denen der Chinesen abweichen. Die Koreaner sind zum Beispiel davon überzeugt, daß sie von den Ungarn abstammen, die Sprachen hätten den gleichen Sprachstamm und in Zeiten der Völkerwanderung habe es die Urungarn nach Korea verschlagen. Der einjährige Geburtstag eines Kindes wird ganz groß gefeiert. Der Geburtstag wird außerdem nicht von dem Tag an gerechnet, an dem das Kind zur Welt kam, sondern es werden noch 100 Tage draufgerechnet, für die Zeit während der Schwangerschaft. Danach wird erst wieder der 60jährige Geburtstag gefeiert, dazwischen gibt es für Koreaner keine Geburtstagsfeiern, das sind dann Tage wie alle anderen. Am 60. Geburtstag wird ein großes Fest gegeben, wobei früher das ganze Dorf und alle bekannten Bettler eingeladen wurden, um durch diese gute Tat die Grundlage für ein besseres nächstes Leben zu schaffen. Eine weitere Neuigkeit für mich war, daß die Könige früher eine sehr kurze Lebenserwartung hatten, da die Krone so schwer war, daß sie durch den erheblichen Druck auf den Kopf die Lebensdauer ihres Trägers verkürzte.

Im Tempel, den ich im übrigen bereits im Jahr zuvor schon einmal besucht hatte, liefen Vorbereitungen für eine große Veranstaltung. Es wurden Lautsprecher verlegt, Stühle aufgestellt und auf der großen Veranda vor dem Eingang des Tempels saßen bestimmt 20 Frauen und putzten eifrig das Silber und Messing, schön im Takt unter lauten Geschnatter. Der indische Einfluß ist im koreanischen Buddhismus sehr stark und die Buddhafiguren, die angebetet werden, gleichen für unser europäisches Auge oft eher einer Kirmesfigur als einer Heiligenstatue. In der Halle zu Ehren der Ahnen beten die Gläubigen für ihre toten oder im Sterben liegenden Angehörigen. Mir wurde erklärt, daß ein Gläubiger, der besonders viel Gewicht in sein Gebet legen will, sich mindestens 300 Mal vor den angebeteten Buddha niederknien und wieder aufstehen wird. Will man aber ganz sicher sein, daß das Gebet erhört wird, kann das auch schon mal 1000 Mal gemacht werden. In Gedanken an meine vom vielen Laufen schmerzenden Knien stellte ich mir das ganze äußerst qualvoll vor und dachte dankbar an das gemütliche Sitzen und Knien in der christlichen Kirche.

Nachdem das Besichtigungsprogramm am Morgen erfolgreich absolviert war, setzte mich die Tourführerin im Lotte, einem Kaufhaus-/Hotelkomplex in der Innenstadt ab und erklärte mir, daß ich um 13.00 Uhr ihre Kollegin in der Hotellobby treffen solle, um das Nachmittagsprogramm zu starten. Bis dahin hatte ich noch über eine Stunde Zeit und so durchstreifte ich das Kaufhaus. Als ich mehr oder weniger interessiert an einem Stand mit Schuhen stehen blieb, stürzte gleich ein Verkäufer auf mich los und hielt mir den wohl häßlichsten Lacklederschuh überhaupt unter die Nase, ob ich den haben wolle, besonders preiswert und qualitativ unübertrefflich. Da ich nicht so direkt sagen wollte, daß ich den Schuh äußerst unattraktiv fand, verneinte ich und sagte, nein, ich suche etwas flacheres. Ein anderer, flacherer, aber nicht weniger häßlicher Schuh wurde hervorgekramt und mir mit noch deutlicherer Intensität ans Herz gelegt. Nein, sagte ich, er müßte nicht nur flach, sondern auch noch eine Sandale sein. Da holte er wieder den bewährten Lacklederschuh hervor und bedeutete mir mit Gesten, den könne man doch so abändern, er würde den Absatz niedriger machen und ein paar Löcher reinschneiden, um mir den gewünschten Schuh maßzuschneidern. Nun mußte ich mit der Tatsache rausrücken, daß ich diesen Schuh "eigentlich nicht so schön fände" und sah zu, daß ich mich dankend verdrückte bevor ich einen Lachkrampf bekam, bei der Vorstellung, einen Schuh anzuziehen und darin wieder auszusehen wie ein Kind, das aus seinen Schuhen herausgewachsen ist und Löcher für die Zehen hineingeschnitten wurden.

In der Zeit, während ich die Kaufhausabteilungen durchstreifte, hatte ich bereits von weitem lautes Gepfeife und Schreie gehört, dachte aber, das stamme von einem Werbegag oder vielleicht einer Spielhöllenetage, wie sie oft in solchen komplexen Gebäuden vorkommt. Kurz vor 13.00 Uhr suchte ich mir auf dem Weg zur Hotellobby noch eine Bank, die ebenfalls im Gebäude eine Filiale hatte, und tauschte Geld um. Ich freute mich gerade noch, daß ich statt des Passes, den ich zu Hause bei Caren gelassen hatte, auch meine chinesische ID-Karte vorlegen konnte und diese akzeptiert wurde als Sicherheit beim Geldtausch, als mit einem Mal die Bank in hektische Aktivität ausbrach. Die Panzertüren wurden zugeschmissen, die Vordertür vergittert und alle riefen laute Befehle und rannten aufgeregt herum. Ich bekam gerade noch mein Geld und wurde dann zur Hintertür der Bank gedrängt, wo ich plötzlich in einem bis auf die herauskomplimentierten Kunden menschenleeren Flur stand, der wohl zur Hotellobby führen sollte. Dort angekommen, stellte ich fest, daß bis auf ein paar wenige Langnasen auch die Lobby völlig verwaist war und ein Schild vor der Rezeption um Verständnis bei den Kunden bat, da man "Schwierigkeiten mit der Verwaltung und der Regierung habe" und deshalb "vorübergehend der Gebäudekomplex geschlossen würde". Ein Amerikaner, der an der Rezeption ungeduldig mit den Fingern wippte, erklärte auf meine Frage hin, daß das Gebäude von der Stadt geschlossen worden sei und die Straßen ebenfalls alle total blockiert seien. Na prima, Problem Nr. wieviel noch gleich? Vor den Türen des Hotels wurden die Schutzgitter auf Halbmast heruntergelassen und Polizei stand bis unter die Zähne bewaffnet und mit Schutzschildern ausgerüstet Schulter an Schulter, sie ließen niemanden hinein und nur wenige hinaus.

Nachdem ich mich ungefähr eine halbe Stunde ratlos in der Lobby aufgehalten hatte, kam dann endlich eine Koreanerin auf mich zu, die sich als meine Tourführerin vorstellte. Sie hatte es zum Glück doch noch geschafft, hereinzukommen und nun schlichen wir, an den verrückt spielenden Demonstranten, die dabei waren, die Scheiben des Gebäudes mit Steinen und Flaschen einzuwerfen und laut skalierten vorbei. Wir ergatterten ein Taxi und schafften es sogar, relativ schnell durch die blockierten Straßen weg zu kommen.

Wir fuhren zu einem Antikmarkt, wo ich nun jedes einzelne Stück bis ins kleinste Detail erklärt bekam. Ich lernte, daß koreanische Frauen früher immer eine extra im Kleid eingenähte Schlaufe zwischen den Brüsten hatten, in denen sie ihr kleines Damenmesser zur Selbstverteidigung aufbewahrten. Diese Messer waren reich verziert und wurden meistens der Frau schon in jungen Jahren vom Vater als Mitgift geschenkt.

Außerdem lernte ich, daß der Tiger das Wahrzeichen Koreas ist und früher viele Leute einen Pfeife rauchenden, sprechenden Tiger mit einer Krähe zusammen malten und dieses Bild des - meist dümmlich aussehenden - Tigers dann vor die Türen hängten, um ihnen Schutz zu bieten. Ein Wesen, dem so aussehend ich nicht unbedingt den Schutz meines Lebens anvertraut hätte.

Anschließend fuhren wir zu einem Flohmarkt, auf dem ein Schlangenfänger und -verkäufer seine Ware anpries, indem er mit einer langen Zange auf die Tonnen schlug, in denen sich die Schlangen befanden und nach und nach die Exemplare herauszog, die vor sich hinzüngelnd angepriesen wurden als besonders gesund und gut gegen alle möglichen Zimperleins.

Danach fing es wieder mal an in Strömen zu regnen und wir suchten Schutz in einem traditionellen Teehaus, was recht gemütlich - von den traditionellen Sitzgelegenheiten, nämlich dem Boden mit einem recht dünnen Sitzkissen, mal abgesehen - war.

Gegen 18.00 Uhr kam ich wieder nach Hause und machte mich bereit, am nächsten Morgen mit Thai Air nach Hongkong zu fliegen. Caren, die durch Zufall zusammen mit zwei Freundinnen einen Flug nach Hongkong mit Cathay Pacific für genau das gleiche Wochenende gewonnen hatte, würde ebenfalls am nächsten Tag fliegen.

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