"Träume werden Wirklichkeit""Träume werden Wirklichkeit""Träume werden Wirklichkeit""Träume werden Wirklichkeit"
Meine Versetzung von Bonn nach Peking im August 1997
     

Am Tag des Abflugs war ich angesichts des bevorstehenden Abenteuers Versetzung erstaunlich gelassen. Mit der mir eigenen Verdrängungstaktik ist es mir auch bis zur letzten Sekunde gelungen, so zu tun, als sei so eine kleine Versetzung ins Reich der Mitte ein völlig irrelevantes Randereignis. Seit 1,5 Jahren war ich nun beim Auswärtigen Amt als Sekretärin beschäftigt und hatte mich innerlich darauf vorbereiten können, daß eines Tages der große Tag der ersten Versetzung kommen würde. Er war gekommen. Jetzt. Und noch kam diese Tatsache mir nicht so recht zu Bewußtsein...

Doch als ich dann letztendlich am Flughafen Köln-Bonn ankam und dort der Abschied von Familie und Freunden immer näher rückte, war es doch um mich geschehen. Am liebsten hätte ich im Auswärtigen Amt angerufen und Bescheid gesagt, sie sollten sich jemand anderen suchen, ich sei für diese Aufgabe nicht geeignet. Ich war 25 Jahre alt und hatte mir diesen Job aus freien Stücken ausgesucht, also zwang ich mich nun auch, standhaft zu bleiben und nicht zu zeigen, wie schwer mir der Abschied tatsächlich fiel. Meine Eltern begleiteten mich zum Flughafen und dorthin kam dann auch Michael, mein Freund, um sich endgültig von mir zu verabschieden. Eine Versetzung ist nicht die gesündeste Maßnahme für eine nicht bombenfeste Beziehung und so sollte dies auch das letzte Mal bleiben, die wir beide uns sahen. Und als ob ich es damals schon sicher gewußt hätte - genau so fühlte ich mich auch!

Als wir am Flughafen ankamen, wurde mir erst mal mitgeteilt, daß meine Zubringermaschine, die mich nach Paris bringen sollte, Verspätung habe. Diese Maschine wäre zu spät angekommen, um mich überhaupt noch rechtzeitig nach Paris zu bringen und so mußte ich umgebucht werden auf eine andere Maschine, die eine ganze Stunde früher losfliegen würde als ich ursprünglich hätte fliegen sollen. Ich war entsetzt, von den kostbaren letzten Minuten mit meiner Familie wurde mir auch noch mehr als eine Stunde entrissen! Aber es war nicht zu ändern. Ich nahm diese Auskunft wie einen Schlag in die Magengrube entgegen und schluckte, während ich bestätigend nickte. So langsam wurde mir bewußt, was es bedeutet, "versetzt" zu werden. Das ist nicht nur Spaß und Aufregung und Spannung und Abenteuer. Da ist auch eine Menge Trauer und Abschied, die eine große Rolle spielen, und das, so weiß ich jetzt, nach 5 Jahren Auslandseinsatz, bleibt immer ein großer Bestandteil im Leben eines Diplomaten. Alles hat seine Schattenseiten.

Trotz meines guten Vorsatzes, auf keinen Fall beim Abschied zu weinen, um meinen Eltern das ganze nicht noch schwerer zu machen, habe ich es natürlich nicht geschafft, meine Tränen zurückzuhalten. Als wohlbehütetes Nesthäkchen der Familie war ich bislang nie lange und schon gar nicht so weit und noch weniger so allein weit weg gewesen vom Schoße der Familie. Meine Abnabelung war wie ein Sprung ins kalte Wasser - vom Zehnmeterbrett. Und als ich nun Tränen in den Augen meines Vaters sah - der Vater, der immer so stark und sicher ist, der, der nie weint und den nie etwas umzuhauen scheint - öffneten sich die Schleusen und ich war nicht mehr zu bremsen. Der Flug dauerte insgesamt 9 Stunden - und so lange dauerte auch meine Weinattacke. Immer wieder kam der Stewart und fragte nach, ob etwas nicht stimmte, aber ich wollte nur in Ruhe gelassen werden.

Meine Mutter hatte mir einen Brief in die Hand gedrückt zum Abschied, den ich erst öffnen sollte, wenn ich im Flugzeug säße. Ich tat wie geheißen und als die Tränen gerade eine Pause machten, öffnete ich den Brief. Sein Wortlaut lautete wie folgt:


Das wünsche ich Dir:
1. Einen angenehmen Flug und eine gute Ankunft
2. Im Beruf viel Erfolg und nette Kollegen
3. Für die Freizeit: Gute Freunde, viel Spaß und Zufriedenheit
4. Für Dein neues Heim: Gemütlichkeit und ein rundum Wohlgefühl
5. Das neue Land: Lerne es kennen und versuche es zu verstehen
6. Für die ganze Zeit: Viel viel Glück und eine Menge Gesundheit
Ich habe Dich sehr lieb
P.S.: Rate mal, wer Dir das wünscht!


Da saß ich also, im Flugzeug in ein mir völlig unbekanntes, fremdes, weit entferntes Land namens China, in dem alles anders sein würde als ich es bisher in meinem Leben erfahren hatte, und las diese Zeilen. Jeder kann sich denken, was ich dabei tat: Die gerade erst vertrockneten Tränen erwachten zu neuem Leben und ich vermißte meine Eltern in diesem Moment so sehr, daß es fast körperlich weh tat.

Am Flughafen in Peking holte mich mein zukünftiger Chef persönlich am Flughafen ab. Seine Frau war mit dem gleichen Flugzeug angekommen und so bekam ich eine "Sonderbehandlung" durch seine Abholung. Noch war ich wie im Trance und nahm um mich herum nur das auf, was mir unmittelbar vor die Nase gehalten wurde. So z. B. auch den Blumenstrauß, den mir Herr Röhr überreichte. Ich war beeindruckt.

Mein Koffer wurde in einen Dienstwagen verfrachtet und wir stiegen alle ein. Doch dann sprang der Wagen nicht an. Ein untrügliches Zeichen, daß wir uns in einem Entwicklungsland aufhielten. Wir warteten noch eine halbe Stunde auf einen Ersatzwagen, der dann auch kam. Ich wurde auf direktem Wege zur Botschaft gefahren, wo ich einigen künftigen Kollegen vorgestellt wurde und mich der Kanzler, also der Leiter der Verwaltungsabteilung, willkommen hieß. Er brachte mich auch höchstpersönlich in mein Hotel, das Kunlun Hotel in der Nähe der Botschaft. Dies sollte mein Übergangszuhause für die nächsten 6 Wochen sein, so lange würde es noch dauern, bis meine Möbel von der Spedition in Peking abgeliefert werden würden und ich meine Wohnung auf dem Jianguomenwai Compound beziehen konnte.

Es war Freitag, der 5.8.1997, als ich in Peking ankam, und nachdem ich im Hotelzimmer die Zeitverschiebung in den Knochen einmal auf das Bett gesunken war, blieb ich auch dort, bis zum nächsten Tag - und bis zum Sonntag. Ich hatte Angst. Ganz einfach. Plötzlich wurde mir nur zu deutlich bewußt, daß ich mich in einem fremden Land mit fremden Menschen, die eine fremde Sprache sprechen und fremde Lebensangewohnheiten haben befand. Ich kannte niemanden in ganz Peking - okay, ich kannte den Kanzler in der Botschaft, aber der hatte Samstags natürlich genauso Wochenende wie alle anderen und ich hätte sicher nicht dort angerufen, um mich mit ihm zu treffen. Also verkroch ich mich ins Hotelbett und fragte mich, wie um alles in der Welt ich eigentlich hier her gekommen war. Dort blieb ich, bis zum nächsten Tag um die Mittagszeit. Es war Sonntag und ich wußte, daß heute ein Kollege aus Bonn ebenfalls seinen Dienst in Peking antreten würde, den ich bereits flüchtig in Bonn kennengelernt hatte. Wolfgang Feid híeß er und ich hoffte inständig, ich würde zufällig auf ihn treffen. Wir hatten zwar ausgemacht, daß er sich bei mir melden würde, wenn er ankommt, aber ich war mir nicht sicher, ob er das auch bereits an dem Sonntag, dem Tag seiner Ankunft tun würde und ich lechzte nach menschlicher Gesellschaft. Also zog ich mich an und ging verzagten Schrittes meine ersten selbständigen Schritte in Peking. Ich nahm mir vor, um mir selbst ein Ziel zu setzen, bis zur Botschaft zu gehen und so gleich den Weg für morgen früh, wenn mein Dienst um acht im Büro begann, auszukundschaften.

Auf Wolfgang traf ich natürlich nicht zufällig und so lief ich bis zur Botschaft, auf einem anderen Weg wieder zurück, wobei ich aber immer darauf bedacht war, "um den Block" zu laufen, so daß ich mich nicht verlaufen würde. Was, wenn ich mich hier verlaufe? Kein Mensch versteht mich, wie sollte ich je wieder ins Hotel zurück finden? Also lieber aufpassen und immer ein Hochhaus im Blick behalten, von dem ich weiß, daß es nicht weit entfernt vom Hotel ist. Als ich durch die Straßen Pekings ging, fiel ein wenig meiner merkwürdigen Panik von mir ab, auch hier lebten Menschen, sie sprachen anders, sie sahen anders aus, aber es sind Menschen. Es gibt Straßen, Häuser, Bäume, Grillen, die fürchterlich laut Zirpen, es ist also eigentlich alles recht normal, und während dieser Gedanke in mein Bewußtsein drang, zog sich meine unlogische Angst immer mehr zurück. Ich würde das Beste daraus machen, nun hier zu sein! Welt, ich komme!

Wolfgang rief gegen Abend in meinem Hotelzimmer an und wir verabredeten uns zum Essen. Er war bereits mehrere Male in Peking auf Dienstreisen gewesen und konnte so seine "Erfahrung" spielen lassen. Ich war beeindruckt, und froh, daß jemand da war, mit dem ich sprechen konnte. Die ganzen vier Jahre meines Aufenthaltes in Peking war Wolfgang einer meiner engsten Freunde, einer, mit dem man seine Sorgen, seine Freude, sein Leid und seinen Spaß teilen konnte. Ich war dankbar, daß man uns gleichzeitig nach Peking versetzt hatte, denn so mußten wir uns für die nächsten vier Jahre nicht auf einen Abschied voneinander vorbereiten und konnten uns mit unserer Freundschaft, die in dieser ganzen Zeit durch dick und dünn gegangen ist und trotz harter Prüfungen standgehalten hat, gegenseitig helfen.

Heute, viereinhalb Jahre später, bin ich mittlerweile nach New York versetzt worden und Wolfgang ist zurück nach Bonn gegangen, wo er bald seine Sabine heiraten wird. Ich wünsche den beiden von ganzem Herzen alles alles Gute für ihre gemeinsame Zukunft!