Umzug New York – Wilna

Ende 2004 war die Zeit, in der ich langsam anfing, kribbelig zu werden. Ich hatte meine Bewerbung für den neuen Posten 2005 bereits im Spätsommer abgegeben und es brannte mir unter den Nägeln, endlich zu erfahren, wo es mich denn nun hin verschlagen würde. Einerseits wollte ich nicht weg aus New York, andererseits wusste ich ja, dass es kein Entkommen gab und wenn schon, dann wollte ich endlich eine konkrete Entscheidung sehen. Die Posten, auf die ich mich beworben hatte, waren sehr unterschiedlich, so hatte ich u. a. Herausforderungen wie Harare in Simbabwe oder Kampala in Uganda angegeben, aber auch ruhigere Posten wie Brüssel oder Prag. Da die Planer im Amt uns immer wieder predigen, dass wir nach so schönen Posten wie New York auch etwas anbieten müssten und nicht von einem Sahneposten zum nächsten kommen könnten, war ich davon überzeugt, dass von den angegebenen Posten auf meiner Liste die engere Wahl auf die vier am schwierigsten eingestuften Orte fallen würde, nämlich Harare, Kampala, Addis Abeba oder Kiew. Und so vergaß ich fast, auf welche Posten ich mich noch beworben hatte. Zwischen Weihnachten und Neujahr kam dann endlich der Vorerlass. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch riß ich den Umschlag auf und las: „Ihre Versetzung nach WILNA ist für Ende Juni vorgesehen.“ Wilna?, dachte ich, „wie komm ich denn da dran?“ Diese Frage stelle ich mir bis heute, denn Wilna ist als Posten eigentlich ein sehr ruhiger, wenig herausfordernder und von der schwierigen Landessprache abgesehen, einfacher Dienstposten. Seit Mai 2004 ein EU-Mitgliedsstaat bekommt man alles, was man braucht, kann sich frei bewegen und ist nah an „zu Hause“. Die Supermärkte sind voll mit deutschen Waren und im Sommer ist die Stadt selbst auch voll mit deutschen Touristen, die in den letzten fünf Jahren das Baltikum als Reiseziel immer mehr entdeckt haben.

Offenbar bewerben sich kaum Kollegen auf diesen Posten, wahrscheinlich ist es zu nah an Deutschland, zu wenig exotisch und zu wenig lukrativ, sei es im finanziellen Bereich oder in Sachen Zusatzurlaub. Aber warum auch immer, ich hatte den Zuschlag erhalten und war insgeheim doch etwas erleichtert. Die Afrika-Posten, die ich angegeben hatte, fand ich zwar potentiell interessant und ich allein hätte wohl auch kein Problem damit gehabt, aber ich hatte schon angefangen, mir Sorgen um Jimmy zu machen. Was, wenn an einem dieser Posten eine Krise ausbrechen würde und ich Jimmy zurücklassen müsste ? (Besonders in Harare ist zur Zeit ja nicht wirklich eine stabile politische Situation!) Mir kamen viele Geschichten von Kollegen in den Sinn, die davon berichteten, wie sie in der Vergangenheit Tiere hatten zurücklassen müssen und nie wieder gefunden hatten nach Evakuierungen. Ich hatte sogar schon damit begonnen, vorsichtig bei meinen Eltern nachzuhorchen, ob sie ggf. bereit seien, in einem solchen Fall Jimmy bei sich zu behalten, denn mit der Vorstellung, ihn vier Jahre lang bei ihnen in Sicherheit zu wissen konnte ich besser leben als mit der Vorstellung, ihn im afrikanischen Dschungel zu verlieren!

Doch diese Last wurde nun schlagartig von meinen Schultern genommen und das Wissen, dass ich Jimmy gefahrlos an den neuen Posten würde mitnehmen können, beruhigte mich sehr.

Gleichzeitig stieg eine andere Panik in mir hoch: Nun hatte ich es schriftlich, schwarz auf weiß stand es da: Ich musste New York den Rücken kehren. Meiner heiß geliebten Arbeit an der Webseite des Generalkonsulats, der Stadt, in der ich mich so wohl gefühlt hatte, dass Heimaturlaube zwar immer noch schön, aber nicht mehr so lang ersehnt wie früher von Peking aus waren, und all die lieb gewonnen kleinen Bequemlichkeiten, die das Leben in New York so mit sich brachten. Eine Zeitlang verharrte ich im Status der Verleugnung. Tat so, als würde mich all das nichts angehen, war sogar pikiert, wenn z. B. die Umzugsfirmen während der üblichen Besuche in der Vertretung die Werbetrommel bei mir rührten. „Ich? Umziehen? Das ist ja noch ewig hin!...“

Aber es half alles nichts, früher oder später musste ich ja mit den Umzugsvorbereitungen anfangen. Und der erste Schritt in diese Richtung wurde wieder mal mit dem üblichen Schränke Ausmisten getan. Jedes Wochenende nahm ich mir eine andere Ecke in meiner Wohnung vor und war immer wieder erstaunt, wie viel ich in dieser kleinen Wohnung untergebracht hatte. Einiges wurde verschenkt, einiges verkauft, anderes gleich entsorgt und als dann der endgültige Erlass im März ins Haus flatterte, konnten die eigentlichen Vorbereitungen beginnen.

Doch erst einmal stürzte ich mich noch einmal in einen Urlaub, der mich zusammen mit Carolin an die Westküste der USA führte. Wir flogen nach San Francisco und von dort nach 4 Tagen weiter nach Las Vegas, wo wir uns nicht nur die Spielhöllen, sondern auch die wunderschöne Umgebung ansahen. Bislang habe ich es nur geschafft, die Fotos von Las Vegas online zu stellen, aber es gibt auch noch ein paar sehr schöne Fotos von San Francisco, die ich hoffentlich auch irgendwann noch bearbeiten und einstellen werde. Der Urlaub tat richtig gut, mal gar nicht an den bevorstehenden Umzug denken und nur Erholung pur, das war wunderschön. Die Westküste ist einmalig und faszinierend und ich werde ganz sicher wieder mal dorthin kommen!

Ich war froh, dass ich die leidige Gesundheitsuntersuchung in New York bei unserer Vertrauensärztin bereits im Januar hatte vornehmen lassen können und dafür nicht extra nach Berlin reisen musste. So war das bereits im Januar erledigt. Einige Monate hatte ich dann erst mal wieder relative Ruhe, im März noch einmal Besuch von meiner Schwägerin und meinen Neffen und im April nahm ich mir dann meinen Mitbewohner Jimmy vor, der ja auch für die große Reise vorbereitet sein wollte. Ich entführte ihn in seiner Tragetasche zum Tierarzt und er wurde gechipt und geimpft. Die Mikrochips sind seit dem letzten Jahr Pflicht für Tiere, die in die EU einreisen und der Arzt erklärte uns auch genau, wie und wo Jimmy gechipt würde. Er bekam seinen Chip zwischen die Schulterblätter gesetzt und ließ das alles relativ friedlich über sich ergehen. Offensichtlich hatte er soviel Angst, dass er nur zurück in seine Tragetasche wollte. Der Tierarzt sagte, es gäbe keine Norm für Chips, aber diese Firma sei einer der am weitesten in der Welt verbreiteten und die Wahrscheinlichkeit, dass in Europa ein passendes Lesegerät am Zoll wäre, sei sehr groß. Ich vertraute ihm und zog mit Jimmy wieder nach Hause. Später sollte sich noch herausstellen, daß Chip nicht gleich Chip ist. Am 30. April dann flog ich mit ihm nach Deutschland, wo ich ihn wieder für die Zeit „zwischen den Umzügen“ lassen wollte, um ihm den Stress des Möbelpackens und Hotellebens zu ersparen.

Natürlich war ich selbst wieder mal Wochen vorher schon nervlich völlig kaputt und hätte ihm am liebsten all das erspart. Aber es führte kein Weg dran vorbei, als ihm wieder die Fliegerei zuzumuten. Dafür freuten sich aber schon meine Eltern auf „ihren Enkelkater“ und als wir dann in Deutschland ankamen und Jimmy in die ihm bereits bekannte Wohnung meiner Eltern kam, fühlte er sich ruckzuck wieder zu Hause. Ihn wusste ich also in guten Händen. Mehr dazu berichtet Jimmy in seinem Umzugsbericht auf seiner Webseite.

Kurz nach meiner Ankunft in Deutschland machte ich dann von dort aus Anfang Mai meine Wohnungsbesichtigungsreise nach Wilna. Nun konnte ich langsam nicht mehr verleugnen, dass ich umziehen würde. Trotzdem kam ich mir vor, als würde mich all das nichts angehen, wenn mir z. B. erzählt wurde, wer was tut an der Botschaft oder immer davon gesprochen wurde, was wäre, wenn ich dann komme, fühlte sich das an, als würde man über jemand anderen sprechen. Viel Zeit habe ich aber auch nicht in der Botschaft verbracht, denn ich bin die meiste Zeit mit verschiedenen Maklern durch Wilna gerannt, um mir Wohnungen anzusehen. Ich habe eine Menge sehr schicker Wohnungen gesehen, viele so schick, dass es mir nicht vorkam wie etwas, das zu mir passt. Zum Beispiel konnte ich mir nicht vorstellen, in einem Schlafzimmer mit schwarzen Lackmöbeln und Tigerdruck-Bett zu schlafen, morgens an der hypermodernen Küchentheke meinen Kaffee zu trinken und abends vor dem Zubettgehen in die eigene Sauna zu klettern. Diese Wohnung sah aus wie eine Filmkulisse. Sie lag mitten in einer Art Fabrikgelände, von außen sah das ganze also völlig unscheinbar aus.

Eine Wohnung, die ich mir angesehen hatte, hatte mein Interesse mehr geweckt, sie war zweistöckig, mit Kamin, schöner moderner Küche, Gästezimmer, zwei Badezimmer, Balkon, alles sehr schön eingerichtet bzw. geschnitten. Der Vermieter war mir auch bereits mit der Miete entgegengekommen. Allerdings störte mich die Lage. Ich wollte wenn möglich ohne Auto bleiben, denn ich habe mich in den Jahren in New York daran gewöhnt, mich nicht um ein Auto und seine Wartung kümmern zu müssen. Es erspart einem eine Menge Nerven. Also hätte ich zu Fuß zur Arbeit und einkaufen gehen müssen. Die Einkaufsgelegenheiten waren nicht auf dem Weg zur Arbeit und auch nicht wirklich nah, mit dem Wissen betrachtet, dass ich da auch Wasserflaschen, Katzenstreu und andere schwere Dinge hinschleppen müsste. Für den Fall, dass ich doch ein Auto genommen hätte, gab es keine Garage, sondern nur einen Parkplatz vor der Tür, wo es jetzt bereits voll war. Und der Weg zur Arbeit führte einen steilen Berg hinauf, der an einer breiten, langweiligen Straße entlang führte. So wirklich versessen war ich auf die Vorstellung, mich jeden Morgen, ob Schnee, Regen oder Eis, da hoch zu quälen, nicht.

An einen Abend war ich bei meiner Vorgängerin zu Besuch und sie bewohnte die Parterrewohnung in einem Haus, ganz in der Nähe der Vertretung. Im Garten standen 5 Obstbäume, die Küche war groß, geräumig und modern eingerichtet und es gab ein Gästezimmer und einen Keller. Oben drüber war noch eine Wohnung, in der ein Litauer wohnte. Außerdem waren Supermärkte und Kino in unmittelbarer Nähe. Der einzige Nachteil war der Garten, der zwar schön ist, aber für Jimmy natürlich Freiheit, die er nicht erreichen kann, bedeuten würde. Ihn nach draußen lassen will ich nicht anfangen, denn dann wird es irgendwann einmal vermissen, wenn ich ihm das nicht mehr bieten kann. Außerdem fahren hier dafür doch zu viele Autos. Das Kerlchen weiß ja gar nicht, was ein Auto ist und hat nie gelernt, davor wegzulaufen.

Ein paar Mal besuchte ich meine Vorgängerin und immer wieder zog es mich zu dieser Wohnung, letztendlich entschied ich mich dafür und obgleich sicher viele andere Wohnungen weitaus schicker und auch praktischer geschnitten waren, sagte mir meine innere Stimme, diese Wohnung müsste es sein. Der Mietvertrag wurde unterzeichnet und als ich nach vier Tagen wieder abflog, war ich Mieter der Parterrewohnung in der Ciurlionio gatve 44-1 in Wilna.

Nach einer Woche Urlaub bei meinen Eltern, den ich zum Neukauf einer Couch und für einige Besorgungen nutzte, flog ich zurück nach New York. Das endgültig letzte Kapitel war angebrochen. Ich startete noch einige Hamsterkäufe von Dingen, ohne die ich möglichst nicht mehr sein wollte, arbeitete meine Nachfolgerin in ihre Tätigkeit als Webmasterin ein und versuchte, soviel wie möglich noch zu genießen.

Kurz vor unserer Abreise besuchten Carolin und ich noch ein Wolf Conservation Center in New York (www.nywolf.org). Hier werden Wölfe für Auswilderungsprojekte gezüchtet und die drei „Ambassador Wolfs“ durften wir kennen lernen und im wahrsten Sinne des Wortes „mit ihnen heulen“. Das Projekt ist sehr interessant und wieder einmal hätte ich am liebsten jemandem den Job abgenommen, als ich sah, wie die Pfleger der Wölfe mit den Tieren umgingen und wie diese sich offensichtlich freuten, ihre Menschen zu sehen. Immer wenn ich so etwas vor Augen gehalten bekomme, hasse ich meinen Schreibtischtäterjob. Doch so konnte ich wenigstens ein kleines bisschen in so ein Leben hineinschnuppern und mir ein realistisches Bild über die Wölfe machen. Es war ein schöner Abschluss für die New York Zeit.


Am 24. Juni kamen dann die Packer und packten mein Hab und Gut in Kisten. Ich hatte die Putzfrau gebeten, dabei zu bleiben und als ich nach der Arbeit heim kam, waren außer meinem Fernseher und meiner Matratzen alle Sachen verpackt und warteten in der Wohnung darauf, am nächsten Tag runter getragen zu werden. Die letzte Nacht verbrachte ich so auf der Matratze und musste, um dort hin zu gelangen, Möbelkartons von links nach rechts schieben. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, in der Wohnung zu campen, bis ich am 29. Juni abfliegen würde. Aber als ich in der leeren Wohnung stand, entschied ich mich dagegen. Ich fühlte mich viel zu traurig, um mich da in die kahle Bude auf eine Luftmatratze zu hocken und ging lieber ins Hotel.

Am Wochenende vor der Abreise fing ich mir dann auch noch auf meinem Notebook einen Virus ein, weil man mir einen solchen ins Gästebuch gesetzt hatte. Also verbrachte ich den Sonntag im Büro, wo ich mit Hilfe des dortigen Internet-PCs das Notebook wieder freischaufelte. Eigentlich hatte ich gehofft, New York noch etwas zu genießen, aber erstens war mir das Notebook gerade während der Versetzungsphase sehr wichtig und zweitens war es schon elendig heiß in Manhattan. Nachdem ich den Samstag in der Stadt herumgelaufen war und zum ersten Mal so etwas wie Freude über meine Abreise empfand, weil ich so dem heißen Sommer New Yorks entkommen konnte, war ich eigentlich ganz froh, den Sonntag im klimatisierten Büro zu verbringen.

Am 29.6. ging ich morgens noch zur Arbeit, verabschiedete mich von allen und stieg mittags in den Flieger Richtung Wilna. Ich flog über Frankfurt und dank Zeitverschiebung erreichte ich Wilna am 30.6. gegen halb eins nachmittags, um gleich den Dienst anzutreten. Es war 26 Stunden her, dass ich in New York zum Dienst gegangen war, und nun würde ich in kurzer Zeit „Feierabend“ in Wilna machen. Nur das Arbeiten im Auswärtigen Amt kann das wohl bieten…

Am Anfang fiel es mir unendlich schwer, mich anzupassen. Aus New York kommend fühlte ich mich in die Steinzeit versetzt, es gab kein Internet mehr am Arbeitsplatz, die Arbeit bestand wieder aus Formschreiben und Verbalnoten nach Vorlage tippen und allzu viel zu tun gab es auch nicht. Die meiste Zeit saß ich in meinem Büro und wartete auf den Feierabend. Die Kollegen waren ganz nett, aber eben fremd und einige „verstaubte“ Einstellungen vor Ort erschreckten mich. In New York waren wir halt doch irgendwie im Zeitalter der Technik und nutzten diese auch, hier war eine Mail noch etwas besonderes und das meiste ging noch wie in den guten alten Zeiten per Schriftbericht oder Fax raus.

Die ersten 3 Wochen habe ich in der Altstadt in einer Übergangswohnung gewohnt, die mir mein Vermieter zur Verfügung gestellt hatte. Meine endgültige Wohnung musste noch renoviert werden und im Sommer war es auch sehr angenehm, in der gemütlichen Altstadt zu wohnen. In der Nähe meiner Wohnung gab es auch Internet Cafe und ich verbrachte so manche Stunde darin, um mir Zuspruch und Trost bei Freunden zu holen, die mich und mein Elend verstanden. Die Altstadt und das schöne Sommerwetter trösteten mich auch schon ganz gut, denn Wilna ist im Sommer eigentlich wirklich sehr hübsch und die vielen Restaurants und Cafés luden zum draußen sitzen ein. An den Wochenenden unternahm ich Touren mit den örtlichen Touristikfirmen, machte eine Stadtrundfahrt per Bus, fuhr mit einem Tourguide nach Trakai und sah mir so die „neue Heimat“ an.

Ciurlionio gatve - hier wohne ich. Kirche in Wilna
Wasserschloss Trakai Häuser in Trakai


Nachdem meine endgültige Wohnung fertig renoviert war, zog ich nach etwas mehr als drei Wochen dort auf meine Luftmatratze und verließ damit die Altstadt und ihren touristischen Flair. Die Übergangswohnung war zwar ganz schön, aber es gab keinen Telefonanschluß, der Fernseher hatte außer RTL 2 keine deutschen oder anderswie verständlichen Sender und, auch das gebe ich zu, war ich als geborener Faulpelz froh, nicht mehr jeden Morgen und jeden Abend eine halbe Stunde zur Arbeit und zurück zu laufen. Meine jetzige Wohnung befindet sich im Diplomatenviertel, ringsum viele Botschaften und sehr viel mehr Ruhe als im partyfreudigen Altstadtviertel und ungefähr 4 Minuten Fußweg zur Botschaft entfernt.

Die Luftmatratze hatte noch immer das Loch, das mich bereits 2001 in der New Yorker Wohnung dazu gezwungen hatte, jeden Abend nach zu pumpen. Aber daran erinnerte ich mich erst wieder, als ich die erste Nacht drauf lag… Doch für die paar Tage, die es noch bis zum Eintreffen meines Umzugsgutes waren, sollte es reichen.

 
Statue am Theater in Wilna   Uni Wilna


Mein Umzug kam dann am 23. Juli an, einem Samstag. Zusammen mit meinen drei Umzugstagen hatte ich somit fünf Tage Zeit, alles einzuräumen, was mir auch soweit gelang. Als ich am Donnerstag darauf wieder zur Arbeit ging, hatte ich mit wenigen Ausnahmen alles an Ort und Stelle.

Da ich mich auf der Arbeit langweilte griff ich sofort zu, als mich der Kanzler fragte, ob ich bereit sei, einen IT-Betreuer Kurs in Berlin zu absolvieren. Der Kurs ging über 10 Tage und war abgesehen von der Abschlussprüfung, die man absolvieren musste, nicht nur eine Möglichkeit, meinen Tätigkeitsbereich an der Botschaft etwas auszuweiten, sondern auch, Carolin und ein paar alte Freunde aus Pekinger Zeiten in Berlin zu besuchen.

Es war fast ein kleiner Urlaub, auch wenn der Kurs recht anstrengend war. Die neue Erfahrung, bereits nach weniger als zwei Stunden Flugzeit in Deutschland zu sein, war nach 8 Jahren mit Langstreckenflügen eine angenehme Abwechslung.

In Wilna zurück warf ich mich mit Elan auf die neue Aufgabe der IT-Betreuung. Mir war ein Ruf vorausgeeilt, dass ich mich gut mit PCs auskenne und so traute mir hier nahezu jeder alles zu, wenn es darum ging, irgendwelche technischen Probleme zu beseitigen. Auch das war eine neue Erfahrung für mich, bislang hatte ich an den großen Vertretungen zumindest immer einen oder zwei Kollegen, die sich noch besser auskannten und die ich fragen konnte, wenn ich nicht weiter wusste. Nun, mit dem schriftlichen Zeugnis über die erfolgreich abgeschlossene IT-Betreuer Ausbildung hatte ich auch gleich deutlich mehr zu tun und begann, die IT-Geräte zu inventarisieren und den Umgang mit den PCs vor Ort etwas voranzutreiben. Eine Woche drauf wurde dann auch mein Internetanschluss installiert, und ich war endlich wieder „zu Hause“. Was jetzt noch fehlte, war Jimmy, den ich aber erst Ende August abholen wollte, um gleichzeitig den 70. Geburtstag meiner Mutter am 30. August feiern zu können.

Am Wochenende bevor ich nach Deutschland fliegen wollte, um Jimmy abzuholen, sollte es dann noch mal richtig spannend werden. Ein Kollege war Samstag morgens zu mir gekommen, um mir dabei zu helfen, die Wohnung „katzensicher“ zu machen. Während er auf der Leiter stand und ich ihm die Werkzeuge reichte, hatten wir wegen des schönen Wetters die Gartentür offen stehen. Auf einmal rannte ein kleiner schwarzer Blitz durch diese Tür und zielstrebig in Schlafzimmer. Vor Schreck ließ ich fast den Hammer fallen und folgte ins Schlafzimmer, um nachzusehen, wer oder was da eingedrungen war. Unter meinem Nachttisch hockte eine verängstigte Dackelmischlingshündin und sah mich aus dunkelbraunen Augen an. Zusammen mit meinem Kollegen bewegte ich sie dazu, unter dem Nachttisch hervor zu kommen und vor Angst setzte sie erst mal einen See dorthin. Ich trug sie auf die Straße, in der Hoffnung da draußen würde jemand nach ihr suchen, sie trug ein Halsband und war offensichtlich an Menschen gewöhnt. Aber niemand war auf der Suche nach ihr.

Mein Kollege holte einen Strick und nutzte ihn als notdürftige Leine, lief dann mit ihr die Straßen rauf und runter, weil er hoffte, dass sie den Weg nach Hause selbst wieder fände, aber auch das funktionierte nicht, und als er mit ihr wieder bei mir auftauchte, kam sie so selbstverständlich „nach Hause“, als habe sie nie woanders gewohnt. Nachmittags kam eine Kollegin und unser eigentlicher Plan, einkaufen zu fahren, wurde über den (Hunde-)Haufen geworfen. Stattdessen fuhr sie mit mir zu einem Tierarzt, in der Hoffnung, dort würde man sich vielleicht um meinen überaschenden Familienzuwachs kümmern oder eine Adresse wissen, wo man sie abgeben könnte. Aber leider war die einzige Auskunft dort, dass man sie in ein Tierheim geben könnte, wo jedoch nach zwei Tagen bereits alle Tiere eingeschläfert wurden, die nicht von ihren Besitzern abgeholt worden wären. Dazu war ich natürlich auch nicht bereit. Ich hinterließ meine Telefonnummer und bat die englisch sprechende Tierärztin noch, mir einen Zettel zu schreiben, auf dem „Hund zugelaufen“ und meine Adresse und Telefonnummer stand. Dann fuhren wir wieder zurück, machten ein Foto von „Nica“, wie ich sie mittlerweile getauft hatte, und gingen los, um Kopien von den Postern zu machen, in der Hoffnung, den richtigen Besitzer zu finden. Wir wanderten fast 6 Stunden die Umgebung ab, klebten Poster überall, klingelten sogar an Haustüren, weil Nica die Angewohnheit hatte, zielstrebig in offene Türen zu rennen und wir anfangs immer noch die Hoffnung hatten, dass sie vielleicht da wohnte. Aber alle Leute, bei denen wir fragten, kannten sie nicht.

Abends war sie natürlich immer noch bei mir und ich fing an mir Sorgen zu machen, was ich mit ihr machen sollte. Nicht nur, dass ich am Samstag darauf nach Deutschland fliegen würde, sondern auch, dass ich anschließend mit Jimmy wieder zurück kommen würde, der sicherlich nicht glücklich über die Tatsache sein würde, plötzlich sein Reich mit einem Hund zu teilen. Nica war offensichtlich ein Familienhund, denn die Nacht verbrachte sie wie selbstverständlich in meinem Bett. Ich hatte kein allzu großes Bedürfnis, mich auf Kosten meines Schönheitsschlafes an der Hundeerziehung zu versuchen, und ließ es zu. Nica hing an mir, wie eine Klette, wo ich war, war auch sie. Sonntags klebten wir noch mehr Plakate, aber meine Hoffnung, jemals die richtigen Besitzer zu finden, wurde immer geringer.

Am Montag nahm ich sie mit ins Büro, in der Hoffnung, es würde sich hier jemand finden, dessen Herz sie erweichen könnte und der sie spontan adoptieren würde. Ausgerechnet an diesem Tag musste ich auch noch im Vorzimmer vertreten, doch der hiesige Botschafter ist ein sehr netter und verständnisvoller Mensch, der mir erlaubte, mit Nica in meinem eigenen Büro zu bleiben und nicht ins Vorzimmer umziehen zu müssen. Nica war sehr ängstlich, wenn ich sie allein ließ. Sobald ich aus dem Büro ging und sie am Schreibtisch angeleint dort bleiben musste, fing sie an zu junken und bellen. Es war alles in allem sehr nervenaufreibend, für uns beide.

Reiner, der Kollege, der auch am Samstag dabei war, als Nica „mich adoptierte“, erzählte mir dann, dass eine Bekannte von ihm Nica gerne kennen lernen wollte. Die Leute hätten sich eh überlegt, einen Hund anzuschaffen und wir könnten Abends mit ihm fahren, um die Leute kennen zu lernen. Ich betete, dass sie sich auf den ersten Blick in Nica verlieben würden und so fuhren wir abends also mit zu Reiner. Wir hatten Glück, Nica und ihre neue Familie fanden zusammen. Allerdings musste ich sie noch bis einschließlich Mittwoch bei mir behalten, da sie vorher noch keine Zeit hatten. Nica ging jeden Morgen mit zur Arbeit, morgens, mittags und abends gingen wir Gassi und Nica war der festen Ansicht, dies bliebe nun ewig so. Allerdings glaube ich nicht, dass meine Kollegen sich das noch lange angesehen hätten, denn Nica wurde langsam besitzergreifend, was mein Büro anging. Jeder der rein kam, wurde erst mal angeknurrt.

Als ich sie dann am Mittwoch ihren neuen Besitzern übergeben konnte, war ich trotz aller Freude über den guten Ausgang sehr traurig. In so kurzer Zeit war sie mir ans Herz gewachsen, aber ich hatte auch gelernt, dass ich überhaupt nicht für einen Hund geeignet bin. Die ruhige, entspannende Art einer Katze liegt mir deutlich mehr als die hektische und laute Art eines Hundes. Im wortwörtlich letzten Moment wusch ich die Bettwäsche und ging mit Febreze gegen den Hundegeruch in der Wohnung los, um Jimmys Einzug nicht durch fremde Gerüche zu beeinflussen. Am Samstag flog ich dann nach Deutschland, um meinen eigentlichen Mitbewohner abzuholen.

Nica


Wie es uns auf der Reise nach Litauen erging und wie er seinen Einzug in die neue Wohnung überstand, könnt Ihr auf seiner Webseite nachlesen.

Mittlerweile sind wir seit fast zwei Monaten gemeinsam hier und Jimmy hat sein Reich voll und ganz akzeptiert. In den Garten kann er leider nicht, ich habe zwar vor, einen Auslauf im Garten bauen zu lassen, aber irgendwie gestaltet sich das schwieriger als gedacht. Aber ich bleibe dran und versuche weiterhin jemanden zu finden, der so etwas für uns bauen kann.

Es ist schade, dass das in diesem Jahr noch nicht geklappt hat, denn wir hatten einen wirklich goldenen Herbst. So schön klischeehaft, dass man es kaum glauben wollte. Blauer Himmel, milde Temperaturen, und eine bunte Blätterpracht vor blauem Himmel, die den Indian Summer fast in den Schatten stellte. Natürlich heißt es wieder mal, dass das so gar nicht normal ist, aber daran bin ich ja gewöhnt. Als ich in Peking ankam, war der heißeste Sommer seit soundsoviel Jahren, in New York war der Herbst auch so heiß wie noch nie zuvor als ich ankam und hier ist es halt der lange und schöne Herbst, der so ganz unnormal ist für diese Jahreszeit… Mir ist es egal und ich genieße das Wetter.

Die anfängliche Angst, dass in diesem Land außer klassischer und Jazz Musik nichts geboten sei, hat sich letztendlich auch zerschlagen. (Bei jedem Gespräch mit Leuten, die schon mal hier waren, wurden immer die „wundervollen Konzerte“ in diesen beiden Musikrichtungen erwähnt, und da ich weder für das eine noch für das andere zu haben bin, hatte ich schon meine Bedenken…) Am vergangenen Samstag war ich mit einigen Kolleginnen in einem Phil Collins Konzert und es war wirklich genial. Auch auf diesem Gebiet hat Litauen also mehr zu bieten, als man anfangs dachte. Alles in allem entpuppt sich dieser Posten als Schnäppchen, aus dem man mehr machen kann als es zu Beginn schien. Und nachdem ich acht Jahre lang in Betonwüsten gelebt habe, ist es auch mal schön, so ein bisschen Landleben zu schnuppern, schließlich hatte ich soviel Grün schon lange nicht mehr vor der Haustür! :-)

Wilna, 29.10.2005