Am darauffolgenden Tag standen wir vor einem großen Geländewagen mit Anhänger, in den gut sortiert 10 Personen plus 1 Fahrer passten, der für die nächsten zehn Tage unser Unser Gefährt für die nächsten 10 Tage.Gefährt während der Outbacktour darstellen sollte. Unsere Rucksäcke verschwanden im geschlossenen, spitzdächigen Anhänger, wir im Jeep. In dessen Rückfront waren zwei gegenüberliegende Sitzbänke installiert, auf denen die sich nur die ersten 50 km weich anfühlende Schaumstoffpolsterung lose drauf lag. Für die kommenden 3000 km würden wir unserem Gegenüber ins Gesicht gucken müssen und wie sich herausstellen wird, würde der Allerwerteste des öfteren das taube Gefühl präsentieren, das sich immer dann einstellt, wenn man stundenlang in einem alten Schaumstoffkissen eingesunken auf der Stelle hockt, ohne sich bewegen zu können.

Unsere Mitreisenden waren allesamt Backpacker, also Rucksacktouristen, die samt und sonders bereits monatelang durch Australien reisten oder noch reisen würden. Da waren Debbie und Nathan aus England, Andrew aus USA, Eline und Yuri aus den Niederlanden, Ruth aus England, und Heiko, Caren und ich aus Deutschland. Und natürlich Neil, der australische Tour Guide. Caren und ich wirken in dieser Gruppe wie rosarote Kamele in einer wildlebenden Herde, denn wir waren außer dem Fahrer Neil die einzigen, die einer geregelten Arbeit nachgingen und nur vier Wochen in Australien sein würden. Unserer Führer, Neil, war ein recht rauhbeiniger Kerl, wie man sich so einen Outbackhelden halt vorstellt. Etwas wortkarg manchmal, säuft wie ein Loch (während des Fahrens gottseidank nur am ersten Tag, danach schien er es sich überlegt zu haben), vergöttert die Aborigines und sieht Duschen nicht als Notwendigkeit, sondern als Übel an.

Er kam mir etwas sorglos vor, wie er so mit dieser Gruppe, in der Caren und ich die mit Abstand Ältesten waren und die Jüngsten gerade mal 19 Lenze zählten, durch die Wüste zieht und mit einem fröhlichen „no worries“ auf den Lippen alle Fastkatastrophen als natürliche Ereignisse im Leben interpretierte. Aber irgendwann auf dieser Fahrt nahm ich seine gelassene Art des „no worries“ gezwungenermaßen an und dachte bei allem was passierte, wir würden schon irgendwie und irgendwann ankommen wo wir hinwollen.

Neil erklärte uns den Verlauf der Tour so, daß er sagte, der Plan sei der, daß es keinen Plan gibt. „Everything can happen - and it usually does!“ („Es kann alles passieren, und normalerweise tut es das auch.“). Wir wurden darüber unterrichtet, daß dieser Urlaub eine Art Arbeitsurlaub sein würde, denn jeder mußte bei allem mitanpacken, sei es Feuer machen, Feuerholz sammeln, kochen, abwaschen, eben alles außer den Wagen steuern.

An einem der letzten Supermärkte/Tankstellen Adelaides machten wir einen kurzen Einkaufsstopp, wo Neil für eine Menge Bier und etwas Nahrungsmittel sorgte.

Dann kam langsam die Einsamkeit der Natur zum Vorschein und während wir noch im hinteren Teil des Wagens uns vorsichtig gegenseitig taxierten und annäherten, machten wir nach einigen Stunden Fahrt halt bei der Alligator Gorge (Alligator Schlucht), wo wir ein Mittagessen aus dem später täglichen Sandwichritual zu uns nahmen, während wir versuchten, die Fliegen davon abzuhalten, schneller zu essen als wir selbst. Die Fliegen im Outback sind eine echte Plage, sie sind millionenfach an Ort und Stelle, sobald sie Menschen oder Tiere riechen und sie sind so träge, daß einfaches Händewedeln nicht hilft, sie zu vertreiben. Sie kriechen in Augen, Nase, Mund und Ohren und können eigentlich gar nicht vertrieben werden, denn dazu sind es viel zu viele. Wir sahen aus wie die hungernden Kinder Afrikas, die man im Fernsehen oft sieht, auf denen die Fliegen herumkriechen wie auf Kuhfladen.

Danach kam die erste einstündige In der Alligator GorgeWanderung durch die Alligator Schlucht. Der steinige Weg und das vorgegebene Tempo der Gruppe machte es mir nahezu unmöglich, die Umgebung zu genießen und während ich mich wegen der Fliegen wild um mich schlagend durch das steinige trockene Flußbett quälte, überkamen mich Zweifel, ob ich diese Gewaltmärsche 10 Tage lang durchstehen würde. Zu Beginn gingen wir zahllose Stufen hinunter, um in die Schlucht zu gelangen und eben diese Stufen brachten mich zum Schluß, als wir sie wieder hinauf kraxelten, ganz schön zum Schnaufen und Stöhnen.

Ziemlich fertig von der Kletterei und meine nicht vorhandene Kondition verfluchend, kletterten wir wieder in den Wagen und fuhren bei beginnendem Regen, der zumindest die Fliegen kurzzeitig vertrieb, weiter und sammelten unterwegs Feuerholz von einem der zahlreichen verdorrten Bäume.

In Quorn machten wir an einer Jugendherberge Halt, aber nicht, wie ich gehofft hatte, um dort zu übernachten, sondern nur um unsere Fahrt zu bezahlen, die bislang nur angezahlt war und etwas zu trinken. In der Zwischenzeit hatte es angefangen in Strömen zu regnen und ich konnte es kaum glauben, daß Neil anscheinend keinen Gedanken daran verschwendete, nicht zu campen, sondern in einem schönen warmen und trockenen Bett zu übernachten. Unser mühsam gesammeltes Feuerholz, das auf dem Anhänger befestigt worden war, wurde nass und nässer und ich konnte beim besten Willen nicht mehr daran glauben, daß man daraus jemals so etwas wie ein Feuer machen könnte.

Wir kauften uns noch jeder ein Fliegennetz, das uns vor den Fliegen insoweit schützte, daß von 50 Fliegen nur noch 10
Wer genau hinsieht, kann die Fliegen zählen!
Australischer Outback-Chic

in unserem Gesicht herumspazierten. Mein erstandener Souvenir-Schlapphut wurde nun zu einem echten Gebrauchsgegenstand, denn an ihm konnte ich das Netz so befestigen, daß es in einigem Abstand um mein Gesicht herum hing. Andere, die nur Schirmmützen trugen, hatten das Netz von da an immer direkt auf dem Gesicht liegen, was für mich nicht sonderlich effektiv aussah.

Im immer noch strömenden Regen erreichten wir schließlich unser Zelten kann ja so gemütlich sein...Lager für die Nacht, der sich dadurch auszeichnete, daß es eine Mülltonne und eine alte Feuerstelle gab und ansonsten nur Bäume auf einer Lichtung. Neil, der einen etwas wilden Fahrstil an den Tag gelegt hatte und ab dem Halt in Quorn fröhlich mit uns Bier soff, parkte den Wagen parallel zu einem fast horizontal wachsenden starken Ast und eine große Plastikplane wurde am Auto befestigt und über diesen Ast gezogen. Dabei wurden wir dann alle völlig durchnäßt, da wir alle mit anpackten, um die schwere Plane so auszubreiten, daß sie eine Art Dach bildete. Ich fühlte mich, als habe ich eine eiskalte Schlammpackung genommen und sah auch so aus.

Zu meiner Verwunderung begann niemand damit, die Zelte, die wie in der Tourbeschreibung erwähnt, zur Verfügung gestellt würden, aufzubauen. Später sollte sich herausstellen, daß außer mir und Caren niemand in einem Zelt schlafen wollte, sondern alle wollten in sogenannten Swags draußen schlafen, einer Art fast wasserdichten Schlafsack aus Zeltstoff mit einer ca. 5 cm dicken und bei Tageslicht wenig appetitlichen Matratze. Mittlerweile war es dunkel geworden und die Herren der Schöpfung, besser gesagt Neil, hatte es geschafft, aus dem nassen Holz ein Feuer herauszuholen, daß zwar qualmte wie nichts gutes, aber es war warm. Die Temperatur wird ca. 15°C betragen haben, aber mit bis auf die Unterwäsche nassen Klamotten fühlt sich das an wie 8°C. Mit Hilfe von Caren, Debbie und Ruth baute ich das Zelt, das mir Neil auf meine Frage hin in die Hand gedrückt hatte im Dunkeln auf. Nachdem wir es unter der Plane im Trockenen aufgebaut hatten, mußten wir es im Dunkeln in den Regen hinaustragen, da es zu nahe am Feuer zu gefährlich gewesen wäre. Die Nacht im Busch ist wirklich schwarz, der Mond geht - wenn es nicht gerade regnet - meistens erst gegen 23.00 Uhr auf und bis dahin sieht man die Hand vor Augen kaum. Wir trugen das Zelt also hinaus in die Dunkelheit und stellten es versehentlich an der denkbar ungünstigsten Stelle ab, die ich mir denken konnte: Mitten auf die alte Feuerstelle, ein ca. 20 cm hoher und im Durchmesser 1m breiter Buckel. Aber das sollte ich erst in der Nacht herausfinden, als ich endlich versuchte zu schlafen, während ich von genau diesem Buckel ständig herunter rutschte oder mir die Rippen darauf zerquetschte.

Das Abendessen bestand aus Nudeln mit Tomatensoße, auf dem Feuer gekocht, und langsam schaffte es die Plane über uns, daß uns das Feuer einigermaßen trocknete und uns auch etwas wärmer wurde, wozu das Bier nicht unwesentlich zu beitrug. Mit den trockenen Klamotten hob sich auch die Stimmung, die zwischenzeitlich, zumindest meinerseits, auf dem Nullpunkt angelangt war.

Nach wenigen Stunden Schlaf standen wir um 7.30 Uhr auf und machten uns ans Einpacken. Mit dem Verschwinden des Regens kamen auch die Fliegen wieder und zu allem Übel sprang der Wagen nicht an. Wir mußten anschieben und zuguterletzt sprang er unter Neils Worten „No worries, it did that yesterday morning as well!“ (Keine Sorge, das hat er gestern morgen auch gemacht!) wieder an.

Nachmittags hielten wir in Wilpena Pounds an, einer ehemaligen Schaffarm, die in einem Talkessel liegt. Wir machten einen Spaziergang Spaziergang in Wilpena Poundsdurch einen sehr schönen Wald, wobei Caren und ich uns diesmal nicht dem allgemeinen Sauseschritt der Gruppe anschlossen, sondern unser eigenes Tempo wählten, um den Berg in der Zeit, in der die anderen die Kuppel des Berges erschlossen, bis zur Hälfte zu erklimmen, von wo man auch einen sehr schönen Ausblick hatte und nicht Gefahr lief, sich entweder unterwegs durch hastiges Gehen den Knöchel zu brechen oder einfach nur vor Erschöpfung zusammenzubrechen.

Anschließend ging es Typische Outback-Roadweiter über Stock und Stein und unbefestigte Straßen , die uns auf unseren Bänken im hinteren Teil des Wagens auf und ab springen ließen wie die Kängeruhs, zu einem Billabong, einer natürlichen Quelle, die einen kleinen See bildet. Einige von uns sprangen hinein und schwammen, aber mir war es dazu bei ca. 20°C viel zu kalt, und das Wasser sah mir auch nicht so sauber aus, daß ich es um der Körperpflege Willen gemacht hätte. Abends wälzte Nathan sich dann urplötzlich auf dem Boden, nachdem er zuvor mit Neil noch irgendwo Bier kaufen war und dort nach Neils Aussagen ein oder zwei Whiskey getrunken hatte und schrie um Hilfe und nach Debbie, seiner Freundin, er könne sich nicht mehr bewegen. Debbie kannte ihn wohl besser als wir alle und sagte, er habe sowieso nichts. Irgendwann schrien sie sich dann gegenseitig an und ich, die ich eigentlich längst hatte schlafen gehen wollen, sah gespannt bei diesem Schauspiel zu. Im Endeffekt machte Debbie (wie sich später herausstellte vorübergehend zumindest) mit ihm Schluß, Neil, der Tourguide schimpfte mit Debbie, daß sie sich nicht um ihren Freund kümmerte, Nathan schrie unverständliches Zeug und als schließlich zwei Mechaniker, die Neil tagsüber angerufen hatten, um nach dem Wagen zu sehen, zu unserem Camp kamen, nahmen sie Nathan nachts gegen 1.00 Uhr mit und fuhren ihn nach Leigh Creek ins Krankenhaus.

Ich hatte mich entschlossen, nach der Nacht mit dem Buckel unter dem Zelt die Variante der anderen, nämlich den Swag auszuprobieren, mit dem ich notfalls wandern konnte, da er nicht wie ein Zelt an den Boden genagelt wird. Es stellte sich heraus, daß - hat man sich erst mal daran gewöhnt - dieses Ding gar nicht so unbequem ist, man kann völlig hineinkriechen und hat so etwas wie ein Zelt mit Matratze aber ohne Stangen. Meinen dicken Fleecepullover rollte ich in den Beutel, der tagsüber meinen Schlafsack zusammenhielt, und diente mir so als Kissen, während mein Schlafsack im Swag einen wärmenden Schutz vor der Kälte draußen darstellte.

Irgendwann in der Nacht kamen die beiden Mechaniker wieder zurück und berichteten Neil (und mir, die ich mich schlafend stellte), daß Nathan im Krankenhaus untersucht worden sei und er nichts an seinem angeblich bewegungsunfähigen Bein habe. Die befürchtete Infektion sei reine Einbildung und sein einziges Problem sei der hohe Alkoholspiegel im Blut. Die beiden übernachteten zusammen mit der Freundin eines der beiden auch noch in unserem Camp und so ging diese aufregende Nacht mit viel hin und her irgendwann zu Ende. Ich fühlte mich wie die Nebenrolle in einer Seifenoper!

 

Debbie und Nathan im inneren unseres Jeeps.Nachdem wir um halb neun morgens aufgestanden waren (nach einer Nacht, die bis 4.30 Uhr mit Jubel, Trubel, Heiterkeit aufzuwarten hatte, ein äußerst früher Termin!) und ich die Naturtoilette aufgesucht hatte, fuhren wir nach Leigh Creek zum Krankenhaus, wo wir Nathan abholten, der jetzt ohne zu humpeln und angemessen still geworden, auch weiterhin an der der Tour teilnehmen würde.Die Stimmung unter uns war anfangs noch etwas gespannt, denn es hatten sich natürlich fast alle von uns mit Debbie über das Ausrasten ihres Freundes unterhalten und wir alle kannten ihre Einstellung zu dem Thema, aber niemand kannte Nathans Version, der nun als der „Idiot vom Dienst“ dastand. Mit der Zeit sollte sich das aber wieder geben, wohl auch, weil Debbie nicht den Rest der Tour beibehielt, was sie vorher geschworen hatte, nämlich sich endgültig von Nathan zu trennen.

Von Leigh Creek aus sind wir nach Iga Warta gefahren, einem Resort, das von Aborigines geführt wird. Auf dem Gelände leben 7 Aboriginal Familien, die interessierten Touristen Gelegenheit bieten, auf ihrem Gelände zu campen und während ihres beliebig langen Aufenthalts mehr über die Kultur der Ureinwohner zu erfahren. Auf dem Gelände gibt es einen Pool, ein Trampoulin, ein paar Mietzelte, einen kleinen Laden und - eine DUSCHE (dem Herrn sei’s gedankt!)!

Nach der erfrischenden Dusche - endlich fühlte ich mich wieder mal wie ein Mensch und nicht wie ein im Dreck lebendes Stinktier) - zeigte uns Kingsley, einer der beiden „Geschäftsführer“ von Iga Warta, auf einem kurzen Spaziergang am lebenden Objekt, wovon sich die Aborigines früher ernährten, als sie noch Nomaden waren und das Land auf Nahrungssuche durchstreiften. Für mich sahen die Büsche, die nahezu alle entweder Nahrung oder Medizin liefern, alle gleich aus und die giftigen hätte ich nie von den ungiftigen unterscheiden können, aber die durchschnittliche Lebenserwartung der Aborigines betrug vor dem Eintreffen der Weissen in Australien rund 100 Jahre, bevor sie mit der Nahrung und der Lebensart der Weissen konfrontiert wurden. Heute beträgt ihre durchschnittliche Lebenserwartung nur noch knappe 57 Jahre.

Die Weissen schleppten bis dahin unbekannte Krankheiten wie Grippe, Masern, usw. ein, gegen die das Immunsystem der Aborigines nicht ankam. Die Weissen nahmen sich das Land, das die Aborigines aus ihrer eigenen Sicht nicht besaßen, sondern von dem sie ein Teil waren. Gezwungen dazu, an einem einzigen Aboriginal Höhlenzeichnungund zumeist auch unfruchtbaren Ort zu bleiben und das Nomadenleben aufzugeben, weil die Weissen Grenzen aufstellten, die man bislang nicht kannte, litten die Aborigines unter Hungerepidemien und Wassermangel. Aus der Not heraus begannen sie, das Vieh der Farmer zu stehlen, was wiederum dazu führte, daß man die „Viehdiebe“ tötete, was dem Gesetz der Weissen nach kein Mord, nicht mal ein geahndetes Verbrechen, war. Man teilte den Aborigines Essrationen aus Mehl, Zucker und Wasser zu, was zu einseitiger Nahrungsaufnahme und ungesunder Lebensweise führte.

Eine „Rettungsmaßnahme“ der Weissen sah Ende des 19. Jahrhunderts so aus, daß sie die Kinder aus ihren Familien herausrissen und in Missionsstationen unterbrachten, um sie zu guten Christen zu machen und vor dem Heidentum zu beschützen. Hier lernten sie zwar Englisch und die Lebensart der Weissen, aber sie waren aus ihrer eigenen Kultur herausgerissen, kannten ihre Familien nicht, ihre Traditionen blieben ihnen unbekannt und sie gehörten weder zu der einen noch zu der anderen Gruppe von Menschen. Die alten Aborigines, die bis dahin die Jungen immer initialisiert hatten, d. h. Ihnen die Traditionen und Geschichten ihres Volkes beigebracht hatten, durften die Kinder nicht mehr sehen oder gar unterrichten und so verloren viele Aborigines das Zugehörigkeitsgefühl zu ihren eigenen Stämmen. Sie überlebten dadurch zwar und sicherten den Fortbestand ihrer Rasse, aber sie gehören zur „gestohlenen Generation“, die völlig allein im Leben stehend, keinen Kontakt zu Familienangehörigen hatten, was sich ihr Leben lang und auch Generationen danach noch auswirken würde.

Dies ist mit ein Grund dafür, warum viele Aborigines heute völlig orientierungslos sind und dem Alkohol und anderen Drogen verfallen. Sie können keinen Halt in Familien finden, die es nicht gibt, sie werden von den Weissen nicht anerkannt und auch von den eigenen Leuten nicht, denn sie haben von beiden Gruppen kein Wissen über die Kultur erhalten. Und es ist auch der Grund dafür, daß ein Ort wie Iga Warta eine Seltenheit ist, denn die meisten Aborigines kennen die Geschichten ihrer Ahnen nicht mehr, sie haben keine Ahnung, zu welchem Stamm sie gehörten, sie bekamen nie beigebracht, wovon man sich in der Wüste ernähren kann. Es gab zahlreiche verschiedene Stämme von Aborigines in Australien und alle sprachen unterschiedliche Sprachen, konnten sich also untereinander nicht verständigen. Nachdem man sie verschleppt hatte und ihnen verboten hatte, ihre Muttersprache zu sprechen, verloren sie jeglichen Bezug zu ihren Familien und ihrem Ursprung, was eine Rückkehr Generationen später nahezu unmöglich machte.

Am Abend luden uns unsere Aboriginal Gastgeber ein, an ihrem Lagerfeuer mit ihnen zu essen und zu singen. So, wie früher die Kinder unterrichtet wurden, so bekamen nun wir die alten Geschichten erzählt, in denen man erfährt, wie nach dem Glauben der Aborigines die Welt erschaffen wurde. Auf meine Bitte hin sangen sie auch ein Lied in ihrer eigenen Sprache, das nur von dem Gegeneinanderschlagen von Holzstücken begleitet wurde. Natürlich verstand ich davon kein Wort, aber ich fand es interessant, auch einmal die echte Aborigine Musik zu hören und nicht nur die Geschichten, die in westliche Musik verpackt waren, so daß auch wir und unser Musikgeschmack Gefallen daran finden konnten. Und so wie früher die Kinder des Stammes sollten nun wir mitsingen und -tanzen, und es wurde ein langer, wunderschöner, romantischer und lustiger Abend unter einem klaren Nachthimmel, der sich in Australien mit Milliarden von Sternen und Lichtern offenbart.

In dieser Nacht habe ich zum ersten Mal gut geschlafen in meinem Swag und ich fing an, die Tatsache, daß sich der Sternenhimmel über „meinem Bett“ spannte, zu genießen. Zum Glück ziehen sich die tagsüber extrem lästigen Millionen von Fliegen in der Nacht zurück. Jetzt, in der Nacht, hatten wir endlich die Freiheit, unser Gesicht der kühlen Nachtluft und dem von Fliegen ungestörten Himmel zuzuwenden, ein Luxus, den man im Outback schnell anfängt mehr zu achten als alle 5-Sterne-Hotels der Welt!

Nach einer langen Fahrt und einem kurzen Halt an einem Aussichtspunkt mit dem wohlklingenden Namen „Razorback Lookout“ (Rasierklingen-Ausblick), gelangten wir am nächsten Tag zum Lake Eyre, Der ausgetrocknete Lake Eyre. einem riesigen Salzsee, der aufgrund der vergangenen starken Regengüsse zwei Wochen zuvor noch voller Wasser war. Dieses Ereignis fand laut meines Reiseführers seit der Eroberung der Weissen von Australien erst dreimal statt, wahrscheinlich war dieses das vierte Mal, aber als wir da waren, war das Wasser bereits wieder stark zurückgegangen und von dem Leben, das den See bevölkert, wenn er Wasser führt, war nichts mehr zu sehen. Die Kröten, die sich jahrelang im Grund verbuddeln und in einer Art feuchtem Kokon leben, bis der See das nächste Mal Wasser führt, waren längst wieder unter der Oberfläche verschwunden. Wir wanderten sehr lange durch den stark salzhaltigen Schlamm, um an den Rand des restlichen Wassers zu gelangen. Der Schlamm, der einen wie ein Sumpfgebiet immer weiter nach unten zog, sobald man stehenblieb, machte das Gehen sehr anstrengend und als wir den Wasserrand erreicht hatten, wurde es immer schlimmer. Die tiefste Stelle des Sees soll 25 m unter dem Meeresspiegel liegen, aber dies konnte man weder sehen noch erahnen. Der Blick über das Wasser machte den Eindruck wie eine Fata Morgana auf mich, mitten in der Wüste sah man plötzlich Wasser schimmern, in einer unglaublichen weiten flachen Landschaft. Die brüllende Hitze, die stechende Sonne und die Fliegenschwärme taten das ihre dazu, sich entsprechend ausgelaugt und „dem Tode nahe“ zu fühlen, um den filmreifen Gedanken an eine Fata Morgana und einen tagelang in der Wüste umherirrenden Verdurstenden nicht ausschließen zu können.

Als ich den Wagen wieder erreichte, war ich zeitweise bis zu den Knöcheln im Schlamm eingesunken und meine Schuhe waren ca. 1 kg schwerer als vorher, soviel Schlamm klebte an ihnen. Ich war fest davon überzeugt, daß ich meine Wanderstiefel nun endgültig hingerichtet hätte, aber sie halten eine Menge aus, wie sich später herausstellen sollte.

Wir machten uns also auf, um in Williams Creek das Williams Creek Hotel, einem berühmt-berüchtigten Bushpub (Buschkneipe) zu besuchen. So schnell sollte uns dies allerdings nicht gelingen, denn noch war nicht aller Tage Abend...

Unser Auto, das uns bereits zweimal seit Beginn dieser Tour morgens im Stich lassen wollte und sich nur mit Mühe und Not und durch Anschieben dazu überreden ließ, wieder anzuspringen, versagte uns seine Dienste mitten in der Fahrt und blieb inmitten der Wüste einfach stehen.Motorschaden in der Wüste... Vor uns und hinter uns erstreckte sich die endlos lange Buckelpiste aus Staub und Steinen und unsere lieben Freunde, die Fliegen, ließen auch nicht lange auf sich warten, ehe sie uns witterten. Nachdem wir ca. ½ Stunde ratlos vor unserem Wagen standen und auch Neil nicht weiter wußte, wie er den Wagen nun wieder zum weiterfahren bringen könnte, kam ein großer Tourenbus der Konkurrenzfirma „Groovy Grape Tours“ vorbei und hielt an, um uns Hilfestellung zu geben. Der Fahrer, ein ehemaliger Fahrer bei „Heading Bush Tours“, also ehemaliger Kollege von Neil, fand ebenfalls keine Lösung für das Problem an unserem Wagen, aber er wußte einen anderen Lösungsweg: Wir, seit zwei Tagen nicht mehr geduscht und dementsprechend geruchsintensiv und von Lake Eyre noch schlammverklebt, sollten in den Luxusbus mit Klimaanlage und lauter adretten jungen sauberen und entspannten Touristen klettern, um mit ihnen zusammen nach Williams Creek zu fahren. Ihr Bus weckte - zumindest in mir - leichte Neidgefühle, denn ihre Sitze, normale Reisebussitze, versprachen Gemütlichkeit auch über Tausende von Buckelpistenkilometern und die Klimaanlage sorgte zumindest für die Zeit im Bus für angenehme Temperaturen.

Da standen wir also, ich mit Zahnbürste und Bürste in der Hosentasche, einem dicken Pullover, meiner Handtasche mit den wichtigen Reisepapieren und meinem Schlafsack unterm Arm, in diesem Luxusbus und wollten gar nicht darüber nachdenken, ob wir für fremde Nasen wirklich so rochen, wie wir uns das vorstellten. Die „Luxustouristen“ erzählten uns von den „Schwierigkeiten im Outback“ und wie „anstrengend“ die Tour sei und daß sie alle froh seien, wenn sie nach 6 Tagen endlich wieder in einer richtigen Stadt seien. Wir hielten uns zurück, über unsere Erfahrungen zu sprechen und davon, daß wir 10 Tage lang unterwegs sein würden in einem absolut unluxuriösen Gefährt ohne Klimaanlage und ohne allzu häufige Duschen. Allerdings verlieh uns ihre Schilderung das Gefühl, echte „Outbacker“ zu sein, die nichts mehr erschüttern konnte. Ein gewisser Stolz schlich sich ein, was wir bislang alles überlebt hatten.

Bei Ankunft in Williams Creek, nachdem ich meine vom ständig offenen Fenster in unserem Jeep nahezu verfilzten Haare in einer halbstündigen Aktion versucht hatte, mit Hilfe der Bürste zu so etwas ähnlichem wie einer Frisur hinzubiegen, waren wir in dem Pub bekannt wie bunte Hunde in der Stadt. Jeder der uns sah, fragte als erstes, ob wir etwa zu der Gruppe gehörten, die in der Wüste liegen geblieben sei, und wenn man dies bejahen konnte, war man ein Held. Die Tatsache, daß wir weder wußten ob und wann Neil es schaffen würde, unseren Wagen zu reparieren und wann er hier eintreffen würde, daß wir nicht wußten, wo wir übernachten sollten oder wie lange wir hier sein würden, war für die meisten, die sich selbst entweder zu abenteuerlustigen Touristen zählten oder aber hier arbeiteten, eine unglaubliche Vorstellung.

In dem Pub hielt sich ein buntgemischtes Völkchen auf, neben den zweibeinigen, zumeist bei unserer Ankunft gegen 17.00 Uhr bereits völlig betrunkenen Einheimischen und Touristen gesellten sich, je später es wurde, immer mehr Käfer aller Art, bis schließlich der Boden des Pubs nur noch so zu wimmeln schien.Der Williams Creek Pub bei Tageslicht - von den zahllosen Krabbelviehchern keine Spur mehr... Man hatte Angst, wenn man zu lange an einem Ort stehen blieb, würde man sich irgendwann von selbst wegbewegen, weil einen die Käfer unter den Füßen wegtragen könnten. Ich ignorierte den Anblick und dachte nicht darüber nach, was alles an meinen Beinen im Laufe des Abends hinaufkrabbeln würde. Ein paar Bier auf nüchternen Magen halfen mir auch dabei, diese Vorstellung erfolgreich zu verdrängen.

Wenn Menschen sich mitten im Nichts in einem Pub versammeln, ist es nie schwer, Kontakt zu finden und so befand ich mich, kurz nachdem ich an der Theke ein Bier bestellt hatte, mitten im Gespräch mit einem Australier aus Melbourne und einem Amerikaner aus Seattle. Beide waren zwar ebenfalls nicht mehr ganz nüchtern, aber sie waren sehr nett und wir unterhielten uns lange. Rick, der Amerikaner, war ein wenig durchgeknallt, hatte vor fünf Monaten nach seiner Scheidung sein Haus verkauft, von dem Erlös 2000 $ auf sein Konto als Reserve in den USA zurückgelassen und den Rest des Erlöses von insgesamt angeblich 50.000 $ für seinen Australientrip eingeplant. Er hatte sich sich einen Campervan gemietet und fuhr seitdem auf eigene Faust und ohne Begleitung im Land hin und her. Außerdem wußte er noch nicht, was er machen sollte, wenn er wieder in die USA zurückgekehrt sei. Er hatte ein Angebot, als Lehrer nach China zu gehen und so hatten wir natürlich einen Gesprächsstoff, der den ganzen Abend vorhielt.

In dem Pub liefen eine Menge Rauhbeine herum und allein an diesem einen Abend, den wir uns dort aufhielten, fanden zwei Schlägereien statt. Wie aus dem Nichts erhob sich dann plötzlich lautes Geschrei und „Der Australier“ und Rick retteten mich jedesmal, indem sie sich vor mich stellten und flugs hinausbeförderten, damit mir ja nichts zustoße.

Da die Küche in dem Pub (angesichts der zahlreichen Käfer, die sich schon allein vor der Küche aufhielten gottseidank) bereits geschlossen war, lud uns unsere Rettungsreisegesellschaft Groovy Grape ein, ihre Reste zu verspeisen. Lasagne und Fritten zum Abendessen, vollklimatisierter Bus, täglich eine Dusche, mein Neid regte sich wieder in mir...

Nachdem wir vier Stunden im Pub von Williams Creek jeder Schlägerei erfolgreich ausgewichen waren und ein Bier nach dem anderen spendiert bekommen hatten, tauchte Neil mit unserem reparierten Wagen und unseren Swags wieder auf. Es war mittlerweile halb zwölf und trotz meist angenehmer Gesellschaft war ich froh, als der restliche Verlauf unserer Reise wieder geregelte Bahnen anzunehmen schien und ich nicht in diesem interessanten, aber doch etwas rauhen Wüstenpub für die restliche Zeit meines Urlaubs gestrandet sein würde.

Gegen halb eins krochen wir endlich in unsere Swags und waren schon dankbar für unsere dünnen Matratzen und ein behelfsmäßiges „Swagdach“ über dem Kopf.

Unser Weg führte uns Das Innere einer der unterirdischen Wohnungen in Coober Pedy.am nächsten Morgen nach Coober Pedy, einer Opalminenstadt, deren Einwohner fast ausschließlich in Wohnungen unter der Erde leben. Ihre Wohnungen sind zwar unterirdisch, aber dennoch hell und freundlich. Die Bürger von Coober Pedy kaufen sich ein Grundstück und können dies innerhalb der Grundstücksgrenzen soweit aushöhlen, wie sie wollen. Ihre Wohnungen sind daher oft sehr groß, weil sie einfach nur weitergraben müssen, um ein Zimmer „anzubauen“. Die meisten von ihnen arbeiten in den Opalminen, die restlichen bei der Polizei (deren Einzugsgebiet riesig ist und fast das gesamte Outback abdeckt) oder im Tourismus.

Wir machten Halt an einem Picknickplatz, der ebenso Duschen zur Verfügung stellte, und der zu einer Mischung aus Tourismusbüro und Opalverkaufsstelle gehörte. Die Verkäuferin in dem Opal-Juweliergeschäft zeigte uns sowohl, wie Opale gefördert und anschließend bearbeitet werden, als sie uns auch eine geführte Tour durch Coober Pedy bot, für die sie zu uns in den Wagen kletterte und Neil uns zu den Stellen fuhr, wo wir die Attraktionen von Coober Pedy gezeigt bekamen. Wir besichtigten unter anderem eine unterirdische Kirche, eine unterirdische Vorzeigewohnung mit Swimmingpool und eine stillgelegte Opalmine.

Wir übernachteten in der Painted Desert, einer sehr farbigen Wüste und der atemberaubende Sonnenuntergang wurde nur durch die Tatsache geschmälert, daß wir in der Nacht unsere Swags mit zahlreichen Käfern und Kriechtieren aller Größen und Arten teilen sollten. Painted Desert bei Sonnenuntergang. Sobald man einen Schritt auf dem Boden ging, sprangen zahlreiche Grashüpfer und andere, gigantische Käferarten vor einem her. Beim Feuerholzsammeln sah ich ein merkwürdiges, etwa 5 cm langes Vieh, das aussah wie ein Stück trockener Ast, aber als ich darauf zuging, bewegte es sich langsam fort. Ein riesiger, etwa 12 cm langer, Tausendfüßler (oder was auch immer!) kroch zielstrebig auf meinen Swag zu als ich mich schlafen legte und verschwand darunter. Am nächsten Morgen sagte Neil, diese Tierchen würden beißen und üble Entzündungen hervorrufen. Mich hat er nicht gebissen, aber hätte ich das gewußt, bevor er unter meinen Swag gezogen ist, wäre ich umgezogen!

Ein echtes Bilderbuch-Billabong!Am nächsten Tag machten wir Halt an einem wunderschönen Billabong (Wasserloch), das wirklich aussah wie aus dem Bilderbuch. Zum Schwimmen konnte mich diese Schönheit jedoch nicht überreden und so stapfte ich im kniehohen Wasser nur herum und genoß die Abkühlung. Allerdings überzeugte mich das Auftauchen einer Schlange, die durch meine Beine hindurchschwimmend in den Tiefen des Billabongs verschwand, davon mich aus dem Wasser zurückzuziehen und anderen die Begegnung mit den natürlichen Bewohnern des Paradieses zu überlassen. Das Wissen darum, daß Wasserschlangen in der Regel ungiftig sind, beruhigte mich auch nicht sonderlich.

Danach fuhren wir ohne Unterbrechung zu unserem Lagerplatz für die kommende Nacht, kurz vor Marla, dem Ende des Oodnadatta Tracks. Schon abends, als wir noch am Feuer saßen und uns die üblichen Geschichten erzählten, sahen wir in der Ferne über Marla Blitze zucken und Neil sagte uns, das Unwetter tobe weit entfernt über Marla, kein Grund zur Sorge. Dennoch weckte er uns dann plötzlich alle wieder auf, als wir schon in unseren Swags lagen und schliefen. Es hatte angefangen zu regnen. In Windeseile wurde die große Plane wieder vom Wagen heruntergeholt, in Ermangelung eines großen Astes diesmal auf dem Boden ausgelegt und die Swags dicht nebeneinanderliegend draufgelegt. Die Kopfseiten der offenen Seite zugewandt, wurde dann die unbesetzt Hälfte der Plane über die Swags gezogen, so daß wir ein „Dach“ über dem Kopf hatten. Zum Glück hatte ich, die ich noch nicht richtig geschlafen hatte, bei dem Aufruf, mir gleich einen Platz an der Ecke gesichert, so daß ich Luft von rechts und oben bekam. Anderenfalls hätte ich es unter der Plane, unter der es feucht, stickig und heiß wurde, nicht ausgehalten. Drei von uns zogen in der Nacht um und schliefen im Auto, weil sie nicht atmen konnten unter der Plane. Wider Erwarten schlief ich aber hervorragend, durch den Regen blieben alle sonst so aktiven Käfer weg und so schlief ich bis acht Uhr, als alle anderen bereits auf den Beinen war. Mein Pech war, daß für mich auf diese Art das Frühstück ausfiel. Aber endlich fühlte ich mich wenigstens noch einmal ausgeschlafen.

Langsam wurde ich mir auch darüber bewußt, welche Erfahrung sich hier im Outback mir am meisten einprägen würde. Ich lernte, daß man mit allem klarkommen kann, wenn man muß, daß ich mich an all das gewöhnt hatte und damit leben konnte und - ich fühlte mich wohl und glücklich. Trotzdem ich von oben bis unten von allen möglichen Viehchern zerstochen war, kaum eine Nacht durchschlief und täglich irgendeine Fastkatastrophe über uns hinwegfegte, war ich durch und durch glücklich! In der ersten Nacht sträubte ich mich dagegen, in einen Swag zu klettern, weil ich die Vorstellung, draußen zu schlafen einfach unerträglich fand. Die Naturtoilette war eine echte Herausforderung und anfangs versuchte ich immer solange einzuhalten, bis wir endlich an einer Tankstelle Halt machten, um ein Klo aufzusuchen. Und jetzt, nach fast 7 Tagen Leben als Landstreicher, war mir das alles egal und ich konnte auch noch dann in meinem Swag schlafen, wenn mir der Regen auf den Pelz fiel. Schmutzig war ich ohnehin, das konnte sich durch den Regen höchstens bessern und schlafen muß der Mensch, ebenso wie essen, auch wenn Millionen von Fliegen auf dem Essen sitzen, aber man wird das überleben. Das heißt natürlich nicht, daß ich ewig so leben möchte, aber für einige Zeit hält man es gut aus und gewöhnt sich daran, seine Klamotten nicht wechseln zu können und die Haare nicht zu waschen und in den Himmel zu stinken. Zu diesem Zeitpunkt war der hygienische Höhepunkt eines jeden Tages die neue Slipeinlage und mir war es völlig egal geworden, weil wir alle in der Gruppe nicht anders lebten.

Am nächsten Tag fuhren wir eine schier endlose Strecke bis zu unserem Der Ayers Rock, das Ziel unserer Reise, ist bereits in Sichtweite.nächtlichen Lagerplatz, der den Blick auf den Ayers Rock und die Olgas freigab. Die Erde hier war wirklich weicher roter Sand, und dies machte die Nacht - von den zahllosen Mücken, die Ayers Rock bei Sonnenaufgang.mich umschwirrten mal abgesehen - zu einer der bequemsten, denn keinerlei Steine oder sonstige Unebenheiten im Boden machten das Liegen im Swag zu derharten Tatsache wie in den bisherigen Nächten.

Wir saßen abends bis zum Sonnenuntergang auf dem Hügel, auf dem wir in der Nacht auch schlafen würden, und sahen dem Farben­schauspiel in den Olgas und auf dem Ayers Rock zu. Aus dem Swag heraus haben wir am nächsten Morgen den Sonnen­ aufgang über dem Ayers Rock beobachtet.

Nachdem wir unser Lager aufgeräumt und alles wieder im Anhänger verstaut Die Olgashatten, fuhren wir zu den Olgas, dem zweitberühmtesten Felsen im Outback Australiens. Hier machten wir einen Spaziergang durch das Wind Valley. Mittlerweile war ich soweit, daß ich auch ganz gern nochmal allein sein wollte und so ließ ich die anderen in die Berge vorstürmen und hielt mich ein wenig abseits, um das Alleinsein zu genießen. Wir waren nun mittlerweile seit acht Tagen 24 Stunden täglich mit ein und derselben Gruppe zusammen und ich genoß die Augenblicke, die ich für mich hatte und nicht pubertierenden 19jährigen über ihre suizidgefährdete Kindheit zuhören mußte, sondern einfach mal ICH sein konnte.

Danach fuhren wir weiter zum Aboriginal Cultural Center im Uluru Nationalpark. Ich war aber ziemlich enttäuscht davon, denn außer Bildern und aufgeschriebenen Geschichten, ein paar Videos, die abgespielt wurden und ein paar Geschichten, die über Lautsprecher auf Knopfdruck erzählt wurden, bestand das Center nur aus Läden und Restaurants. Ich bekam keinen einzigen Aborigine zu Gesicht, was ich mir darunter eigentlich vorgestellt hatte.

Die Anangu sind der hiesige Stamm der Aborigine, der für Ayers Rock und die Olgas zuständig ist, seit man ihnen das Gebiet des Nationalparks 1985 zugesprochen hat. Seitdem ist der Ayers Rock offiziell im Besitz der Anangu und sie erhalten außerdem eine Pachtzahlung der australischen Regierung sowie 20% der Eintrittsgelder des Parks. Der Eigentum wurde ihnen für 99 Jahre überschrieben, nachdem man jahrelang ihre Gesetze und Rechte mißachtet und ihren Lebensraum zerstört hatte. Für den Glauben der Anangu bedeutet das Betreten und sogar Fotografieren vieler Orte um Ayers Rock und die Olgas herum einen Gesetzesbruch, denn nur die Alten mit besonderem Wissen durften z. B. auf den Ayers Rock hinaufklettern, um dort religiöse Rituale abzuhalten. Andere Stellen am Ayers Rock sind nur für Frauenrituale bestimmt und Männer, die darauf schauen, begehen eine Sünde, ebenso Der Ayers Rock, ein roter Fels in der Wüste.Frauen, die auf die Orte schauen, die den Männern vorbehalten sind. Deshalb bitten die Anangu die Weissen, ihre Gesetze zu achten und zumindest den anstrengenden Kletterakt auf den Ayers Rock hinauf zu unterlassen. Verbieten können sie dies aber nicht, da man Angst hat, mit dem Verlust dieser Haupttouristenattraktion, die in den letzten 10 Jahren 35 Menschen das Leben gekostet hat, würde der Touristenstrom hier zurückgehen und somit eine ergiebige Einnahmequelle verloren gehen. Täglich kommen 1000 Leute in diesen Nationalpark und viele quälen sich an ein Geländer aus Drahtseil geklammert den Berg hoch, was es den Höhepunkt ihres Australienurlaubs darstellt.

Was ich den Aborigines vorwerfe, ist ihre absolute Nichtpräsenz. Während unseres gesamten Aufenthalts im Nationalpark sah ich keinen einzigen von ihnen, dabei bin ich davon überzeugt, wenn die Bitte, den Berg nicht zu besteigen, persönlich ausgesprochen würde von denen, denen es wichtig ist, würden sich mehr Touristen davon überzeugen lassen. So aber liest man nette Geschichten, die man als Nichtaborigine nicht versteht, sieht sich ein paar Bilder an und liest die Bitte, nicht zu klettern, aber wer wirklich davon überzeugt ist, auf den Berg zu wollen, wird sich davon nicht abhalten lassen.

Nach dem Besuch im Aborigine Cultural Center sind wir zum Sunset Viewing Point gefahren, einem riesigen Parkplatz, auf dem bereits jede Menge Touristenbusse standen. Der Sonnenuntergang am Ayers Rock ist das beeindruckendste Naturschauspiel, das ich von Australien in Erinnerung behalten werde. Ayers Rock, der sich mitten in der Wüste 330 m in die Höhe reckt, wird genauso rot, wie er auf Postkarten immer dargestellt wird, sobald die Sonne untergeht. Es ist atemberaubend schön mit anzusehen!

Faszinierendes Farbenspiel beim Sonnenuntergang über dem Ayers Rock.

Anschließend sind wir zu unserem Lager vom Vortag gefahren, wo wir ein zweites Mal übernachten wollten, um dann am nächsten Morgen bereits früh zum Ayers Rock zu fahren, Vertrockneter Baum am Fuße des Ayers Rock- wo einige von uns hinaufklettern wollten und andere einige der Spazierrundwege abgehen wollten. Das Farbenspiel der Natur reizt immer wieder zu neuen Fotoaufnahmen.

Am nächsten Morgen fuhren wir endlich zum Höhepunkt unserer Outbacktour, dem Ayers Rock, den drei von uns besteigen wollten. Ich nahm an einem geführten Spaziergang, dem Marla Walk teil, bei dem ein Ranger uns erklärte, wie die Aborigines hier früher an ihrem heiligen Berg gelebt und gejagt haben.

Das letzte Mal übernachtet haben wir in einer Art Heidelandschaft mit vielen Bäumen, Spinifex-Dorngestrüpp und Ameisen. Meine Sandalen tauschte ich bald nach unserer Ankunft gegen die festen Stiefel ein, um ein vorzeitiges Gefressenwerden oder wahlweise Verrücktwerden zu verhindern. In dieser Nacht war die Herausforderung, nachdem wir bereits mit Regen, Sturm, Hitze, Käfern, Fliegen und Obdachlosigkeit gekämpft hatten, der Kampf gegen kribbelnde Ameisen im Schlafsack.

Caren und ich inmitten von krabbelnden Ameisen - sich hier für das Foto ruhig zu halten, war eine echte Herausforderung!

In der Nacht kämpfte ich dann ziemlich erfolglos gegen die zahllosen kribbelnden Ameisen auf meinem eh schon von Mückenstichen übersäten Körper an und hoffte, daß sich wenigstens kein Skorpion von ungefähr 5 cm Größe, wie wir ihn zuvor am Feuer gefunden hatten, in meine mir heilige und vor Müdigkeit äußerst wichtige Schlafstätte verlaufen würde.

Am Morgen sind wir alle mit noch mehr Mückenstichen und Ameisenbissen als am Vortag übersät zum Kings Canyon, nördlich von Ayers Rock, gefahren.

Im King's Canyon.Caren und ich haben eine Wanderung von 1 km in den Canyon hinein bis ans Ende und zurück unternommen, der sehr schöne Natur zu bieten hat, aber lange nicht so eine Extremklettertour darstellt wie die große Tour, zu der unsere Mitreisenden sich aufgemacht hatten.

Der Tag endete mit unserer letzten vierstündigen Marathonstrecke über einsame Buschstraßen Richtung Alice Springs.

Nachdem wir kurz vor Alice Springs noch einmal angehalten hatten, um für jeden zum Abschied ein Die gesamte Reisegruppe und Neils Schatten.Gruppenfoto zu machen, erreichten wir gegen 18.00 Uhr unser von Neil gebuchtes Motel. Nach einer langen Dusche, mit der aller Staub und auch ein großer Teil der Farbe, die sich als roter Sand und nicht die erhoffte Bräune herausstellte, herabgewaschen wurde und dem Aussortieren von unserem Gepäck, in dem sich immer noch Käfer, Ameisen, Sand und Staub wie zu Hause fühlten, begannen wir uns wieder wie zivilisierte Menschen zu fühlen, was wir durch frisch gewaschene Haare, strahlenden Teint und halbwegs saubere Klamotten erkennen ließen. Den Buschcamper konnte man nur noch an den zahlreichen Blessuren und Insektenstichen erahnen.

Am nächsten Morgen flogen wir per 2stündigen Flug nach Cairns, wo der dritte Abschnitt unseres Urlaubs, Prädikat luxuriös, begann.

 

Zum Dritten Teil

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