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Einmal über den großen
Teich – und kein Zurück.
Nach langer, langer Pause
melde ich mich endlich wieder zurück aus den Tiefen des Umzugsstresses.
Es hat sich eine Menge ereignet seit der letzten Aktualisierung
im April und mittlerweile fallen bereits die bunten Blätter
von den Bäumen und die ersten vorweihnachtlichen Gedanken stehlen
sich in die Gehirne der Dosis. Bevor dieser Stress dann wieder losgeht,
dachte ich mir, wäre es eine gute Idee, Euch erst einmal zu
berichten, wie es mir so ergangen ist.
Nachdem Mona mich Mitte April in die Tragetasche gesteckt und zum
Weißkittel gebracht hatte, der mich mit einem so genannten
Mikrochip versorgte, war ich schon ein wenig stutzig geworden. Und
in einem unserer Zwiegespräche erklärte mir Mona letztendlich,
was uns wieder mal bevorstünde. Wir waren zu Anfang Juli nach
Wilna versetzt und Mona berichtete mir, dass ich wieder beim Blutsbruder
unterschlüpfen sollte, bis der Umzug vorbei sei. Danach wolle
sie mich nachholen.
„Wilna?“, fragte ich, „wo liegt das eigentlich?“
„Das liegt weit weg in einem kleinen Land im Baltikum, genannt
Litauen.“
„Und wie kommen wir dahin?“
„Wir müssen mit dem Flugzeug fliegen.“
FLUGZEUG?! Mir wurde es ganz mulmig. Dieses laute, krachende Fliegerdingsbums
schon wieder? Wir waren doch gerade erst in einem solchen hier angekommen!
Oh Nein!
Doch obwohl Mona genauso wenig in das Fliegerdings steigen und umziehen
wollte, blieb sie stark und am 30. April war es dann soweit. Sie
schnappte mich und packte mich in meine Transportkiste. Am liebsten
hätte ich ganz New York zusammen geschrieen, ich habe es auch
versucht, aber leider hat niemand – nicht mal die Tierpolizei
– reagiert… Selbst dem Taxifahrer war mein lautstarkes
Protestmiauen offensichtlich egal. Meine Empörung wich dem
Frust und der Resignation, als wir am Flughafen ankamen. Dort rannten
furchtbar viele Menschen rum und ich hielt vorsichtshalber die Klappe,
um keine weitere Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen.
Am Schalter sagte man Mona, dass ich nicht gemeldet sei für
den Flieger. Kurz flammte in mir die Hoffnung auf, dass ich nicht
mitfliegen dürfe, aber Mona pochte darauf, dass sie mich habe
durch das Reisebüro anmelden lassen, dies auch schriftlich
habe und letztendlich durfte ich mit.
Die nächste Hürde war das Einchecken. Mona übergab
meine Kiste mit mir darin an einen Flughafenangestellten und dachte,
nun würde ich abtransportiert und in die richtige Maschine
eingecheckt werden. Wir standen mitten in einem Raum, dessen riesige
Schwingtüren weit offen standen und den Weg in die Schalterhalle
freigaben und wo mindestens 10 Menschen damit beschäftigt waren,
Koffer auf ein Laufband zu wuchten, das sie nach draußen transportierte.
Aber da sagte der Mann, Mona müsse mich jetzt aus der Kiste
nehmen, damit man aus Sicherheitsgründen die Kiste abtasten
könne. „Hier?!“ schrie alles in mir und auch Mona
stellte diese Frage ungläubig. Sie kämpfte wie eine Löwin
darum, meinte, ich könnte Panik bekommen und in der Schalterhalle
verloren gehen oder noch schlimmer über das Gepäckband
ins Freie geraten. Nach und nach wurden immer mehr und immer ranghöhere
Flughafenangestellte dazu gerufen und diskutiert, ob man mich auch
so durchlassen könnte. Mona versuchte sogar, mit ihrem Diplomatenstatus
zu beeindrucken, was sie sonst nie macht, weil sie das blöd
findet, dass Diplomaten mehr dürfen als normale Bürger,
solange man sich nicht gerade in Kriegsgebieten oder menschenrechtsfeindlichen
Staatsformen befindet. Aber nichts half.
Das einzige, was sie zu erkämpfen schaffte, war, dass man sich
bereit erklärte, einen kleineren und vor allem geschlossenen
Raum aufzusuchen, in dem nicht gleich ganz New York anwesend war.
Ich wurde also wieder quer durch die Flugschalterhalle bugsiert
und in einem winzigen Raum, der mehr ein Schrank war und auf dessen
Tür beruhigenderweise „High Voltage“ geschrieben
war, von Mona aus der Kiste genommen. Ich merkte, wie aufgeregt
sie selbst war und auch mein Herz schlug so wild gegen meine Brust,
dass ich meinte, man müsse es im Flughafentower noch hören.
Der nette Beamte, der die „Sonderbehandlung“ für
uns möglich gemacht hatte, beeilte sich mit dem Abtasten meines
Kissens und dem Durchsuchen meiner Kiste und ehe ich mich versah,
saß ich auch schon wieder drin.
Mona war mittlerweile durch die Sicherheitskontrolle durchgegangen,
um zu dem Raum zu gelangen, darum bot der Mann ihr nun an, mich
in meiner Kiste für sie einzuchecken und sie könne direkt
zum Flugzeug durchgehen. Schweren Herzens gab sie mich her, erkundigte
sich nach dem Namen meines Entführers und verschwand aus meinem
Sichtfeld.
Nachher hat sie mir erzählt, dass sie nach meinem Verschwinden
erst mal in einer Flughafentoilette gesessen hat und vor Aufregung
geheult hat. Und ich habe ihr versichert, dass auch mir zum heulen
war!
Sie hat vor dem Einsteigen ins Flugzeug noch mal vom Bodenpersonal
checken lassen, ob ich auch im Flugzeug sei und ob ich auch im richtigen
Abteil wäre, nämlich da, wo geheizt ist für Vierbeiner
wie mich. Sie stieg erst ein, als sie sicher war, dass es mir gut
– was man halt so nennen kann in dieser Situation –
ging. Auch bei der Stewardess im Flugzeug selbst fragte sie noch
mal nach und bekam die Bestätigung, ich sei an Bord und wohlauf.
Und dann begann der endlos lange Flug, der uns nach Frankfurt am
Main bringen sollte. Es war furchtbar, ich hatte Angst, von schlafen
war gar keine Rede und ich vermisste Mona und mein Zuhause und meinen
Kratzbaum und überhaupt war mir so elendig zumute, dass ich
nur raus wollte. Ich versuchte mich durch die Kiste zu drücken,
deren kleine Luftlöcher aber viel zu klein waren und nur meinen
Nasenrücken wund scheuerten.
Irgendwann rumpelte es, das Flugzeug wurde seltsam still und es
kamen fremde Leute, die meine Kiste packten und auf einem Wägelchen
durch die Gegend fuhren. Danach stand ich eine Zeitlang mit meiner
Kiste auf einem dieser Rollbänder und als ich endlich Monas
Stimme hörte und sah, wie sie auf mich zu gerannt kam, war
ich so glücklich, dass ich sie sofort laut begrüßte.
Sie lud meine Kiste zu dem Karren, auf dem schon ihr Koffer stand
und der übrigens hauptsächlich mein Umzugsgut beinhaltete,
und kurz darauf sah ich auch schon den Blutsbruder, den ich so lange
nicht gesehen hatte, auf mich zukommen. Er steckte seine Finger
in meine Kiste und kraulte mir den Hals und ich freute mich riesig
ihn zu sehen.
Irgendwie hatten Mona und der Blutsbruder dann wohl Schwierigkeiten,
in der Aufregung das Auto vom Blutsbruder zu finden, denn wir rannten
ziemlich lange im Flughafengebäude rum, aber letztendlich fanden
sie das Auto und Mona kletterte mit mir auf den Rücksitz. Es
war der 1. Mai 2005, der bislang heißeste Tag in Deutschland
in diesem Jahr. Das war nicht so toll, denn in meiner Kiste im Auto
bekam ich fast keine Luft mehr vor Hitze. Ich fing an zu hecheln
und während Mona versuchte, mir mit einem Schal, den sie über
meine Kiste legte und mit dem Sprudel, den der Blutsbruder zum Trinken
mitgebracht hatte, nass machte, Linderung zu verschaffen, war ich
langsam so groggy, dass mir schon alles egal war. Ich wollte auch
nichts von dem Wasser ablecken, das mir Mona auf der Hand in meine
Kiste reichen wollte. Ich wollte es einfach nur noch hinter mich
bringen.
Nach nicht ganz zwei Stunden Fahrt kamen wir beim Blutsbruder und
Mama zu Hause an. Natürlich kannte ich mich sofort wieder aus,
obwohl natürlich alle um mich herum so taten, als sei das ein
Wunder. Das einzige, das mich wunderte, war warum sich alle wundern!
Was denken die denn von mir? Ich bin doch nicht deppert und vergesse
die Wohnung, in der ich 2001 sieben Monate lang gelebt habe!
Schnell lief ich durch alle Zimmer, kontrollierte alles, trank etwas
und ließ mich dann auf einem kühlen Flecken nieder, um
mich von den Reisestrapazen zu erholen.
Ach ja, ich habe noch was vergessen zu erwähnen: Meinen Impfpass
oder meinen Mikrochip wollte natürlich wieder mal niemand beim
Zoll sehen.
Mona war noch ein paar Tage mit mir zusammen in Deutschland, verschwand
dann aber wieder und ließ mich zurück. Den Sommer über
verbrachte ich nun also in aller Ruhe beim Blutsbruder und der Mama.
Da fühle ich mich pudelwohl und die beiden sind fast immer
zu Hause, so dass ich gar nicht alleine sein muss. Es war wieder
eine tolle Zeit und ich genoss das Landleben.
Ende August erzählte mir dann der Blutsbruder, dass die Mona
bald kommen würde und mich abholen wollte. Einerseits freute
ich mich natürlich darauf, Mona wieder zu sehen, aber andererseits
dachte ich auch schon mit Schrecken an das Fliegerdingsbums zum
Zweiten…
Als Mona dann endlich kam, wurde ich erst mal wieder in die Reisetasche
verfrachtet und zum Weißkittel gebracht. Wieso denn jetzt
schon wieder! Ich bin doch schon geimpft! Aber Mona erklärte
mir, dass für die Einreise von einem EU-Land ins andere leider
andere Vorschriften gelten als für die Einreise von den USA
in ein EU-Land. Und nun müssten wir einen EU-Heimtierausweis
haben, den wir nun mal nur vom Tierarzt bekämen. Ich gab mich
geschlagen, aber nicht ohne auf der Fahrt dorthin die ganze Zeit
lautstark zu protestieren. Der Blutsbruder wurde schon ganz zappelig,
denn er kannte mich ja nur in dem halb komatösen Zustand von
der Fahrt vom Flughafen nach Hause. So wütend hatte er mich
noch nicht gehört. Aber wie immer, sobald ich unter Menschen
komme, verhalte ich mich lieber ruhig und so blieb ich auch stumm,
als ich beim Tierarzt in der Praxis stand.
Die Tierärztin war sehr nett, sagt Mona. Ich weiß ja
nicht, was ich daran nett finden soll, aber Mona muss es ja wissen.
Jedenfalls wurde mein amerikanischer Mikrochip getestet, nur aus
Sicherheitsgründen. Und dabei stellte sich heraus, dass der
amerikanische Chip nicht lesbar war mit europäischen Lesegeräten.
Und das, obwohl der Tierarzt in New York gesagt hatte, dies sei
der Chip der weltweit am weitesten verbreiteten Firma. Was nun tun?
Die Alternativen waren, selbst ein passendes Lesegerät zu besorgen,
es einfach so zu probieren und das Risiko eingehen, dass am Zoll
in Litauen der Chip nicht gelesen werden kann oder einen weiteren
Chip, diesmal von europäischer Herstellungsfirma, einzupflanzen.
Das Lesegerät zu besorgen hätte sich sehr schwierig gestaltet,
denn Mona wusste die Firma nicht, die den Chip hergestellt hatte
und außerdem blieben uns nur fünf Tage bis zur Abreise.
In der Zeit ein passendes Gerät finden hätte für
uns beide bedeutet, von einem Laden in den nächsten rennen
und alle Lesegeräte an mir ausprobieren, ohne eine Sicherheit
auf Erfolg zu haben. Es einfach zu probieren trauten wir uns auch
nicht. Zwar hatte mich bislang noch nie ein Zollbeamter aufgehalten
bei der Einreise, egal wohin es ging, aber für den Fall, dass
es doch so wäre, besteht die Gefahr, dass einige Länder
ungechipte Tiere auf der Stelle einschläfern lassen. Das wollten
wir gar nicht erst riskieren. Also blieb nur, noch einen Chip einzupflanzen.
Ich komme mir zwar mittlerweile vor, wie ein Ersatzteillager, aber
so ist es wohl am besten. Bald habe ich für jedes mögliche
Land den möglichen Chip parat. Mona war ganz schön sauer
deswegen und fluchte auf die Firmen für Mikrochips, die sich
nur aus Geldgier wieder mal nicht auf einen Standard einigen können,
sondern jede für sich irgendein tolles System erfindet, die
aber untereinander nicht kompatibel sind. So kostet jeder Chip nicht
nur Geld, sondern auch Nerven und uns Tieren wird es nicht gerade
leichter dadurch gemacht.
Aber es blieb uns ja keine andere Wahl und nachdem ich mich vier
Tage lang von dem Tierarztbesuch erholen konnte, schnappte mich
Mona erneut und steckte mich in meine Reisetasche. Am 4. September
2005 flogen wir nach Wilna. Diesmal nahm Mona mich mit in die Kabine,
weil der Flug mit nur knapp zwei Stunden sehr kurz ist und die Maschinen
so klein, dass sie sich nicht sicher war, ob es da überhaupt
Tierbereiche im Bauch des Flugzeugs gibt. Der Nachteil am in der
Kabine fliegen ist der, dass ich bei jedem Sicherheitscheck, durch
den Mona durch musste, aus der Tasche raus musste und auf Monas
Arm durch den Metalldetektorbogen durch getragen werden musste.
Und ehe man ins Flugzeug steigt, gibt es immerhin drei dieser Kontrollen.
Außerdem musste man, nachdem man ewig in der Schlange gestanden
hatte, um einzuchecken, auch noch zum Sperrgepäckschalter,
weil ich dort extra Gebühren kostete. Also dort wieder Schlange
stehen. Nachdem wir vorher schon im Stau gestanden hatten, in der
ersten Schlange weitere 25 Minuten verloren hatten und nun schon
wieder warten mussten, waren wir verdammt spät dran. Die Frau
hinterm Schalter hatte natürlich die Ruhe weg und musste erst
mal ausgiebig mit einer Kollegin klönen, ehe sie sich endlich
uns zuwandte. Dann musste Mona mich ans Ende des Flughafengebäudes
schleppen, immer unterbrochen von den Sicherheitskontrollen und
wir kamen mit einiger Verspätung am Flugzeug an. Dem Himmel
sei Dank waren wir aber nicht die letzten und die Maschine hatte
eh Verspätung, weil ein Passagier es sich im letzten Moment
anders überlegt hatte und man seinen bereits eingepackten Koffer
wieder rauskramen musste. Manchmal hat so was auch Vorteile.
Ich stand am Fuße von Monas Sitz und verhielt mich völlig
ruhig. Im Gegensatz zur Befürchtung des Blutsbruders, der meinte,
wenn ich so lautstark wie auf der Fahrt zum Weisskittel protestieren
würde, wenn ich in der Flugzeugkabine säße, würden
die Leute Mona deswegen ausmeckern, merkte niemand, dass ich überhaupt
dabei war. Die Frau, die neben uns saß, meinte, Mona solle
doch die Tasche in die Gepäckluken über unseren Köpfen
packen, die hatte gar nicht gemerkt, dass das lebende Fracht war,
die sie da einfach wegsperren wollte… Mona hat das natürlich
nicht getan und die Sache aufgeklärt. Sehr nett war, dass die
Stewardess irgendwann von sich aus kam und fragte, ob mit mir alles
in Ordnung sei. Es war alles in Ordnung, wenn ich auch am liebsten
woanders gewesen wäre.
Nach nicht ganz zwei Stunden landeten wir wieder und Mona trug mich
aus dem Flugzeug heraus. Wieder fragte niemand am Zoll nach mir
oder meinen Papieren, ich hing still in der Tragetasche an Monas
Schulter und wahrscheinlich hat nicht mal jemand gemerkt, dass ich
überhaupt einreise.
Danach ging es mit einem Taxi „nach Hause“, wie Mona
sagte, aber als wir da ankamen, war ich geschockt! Alles sah so
anders aus, gar nicht wie zu Hause! Es waren zwar noch unsere Möbel,
aber manche Möbel kannte ich gar nicht und alles stand so merkwürdig
anders. Ich bekam Angst, und obwohl ich anfangs noch todesmutig
von einem Raum in den anderen rannte, übermannte mich die Panik
und ich verkroch mich in einem Wandschrank, in dem unsere Bettwäsche
in Plastiksäcken eingeschweißt lag. Ich wollte am liebsten
wie Vogel Strauß darin verschwinden, aber es gelang mir nicht
und in meiner Panik wusste ich gar nicht mehr wohin. Mona versuchte
mir Verstecke anzubieten, aber in meiner großen Angst und
Unsicherheit, wusste ich gar nichts mehr zu tun und hockte mich
wo ich war, mitten im Wandschrank auf den Boden.
Mona ließ mich in Ruhe und setzte sich aufs Sofa, wo sie fern
sah und darauf wartete, dass ich mich beruhigen würden. Was
ich natürlich auch irgendwann tat. Ich fing an, die Räume
nach und nach zu erkunden und kennen zu lernen. Abends erkletterte
ich dann zum ersten Mal meinen Kratzbaum, der hier in der großen
Wohnung gemeinsam mit den beiden anderen Kratzbäumen, die wir
eigentlich schon ausgesondert hatten, eine riesige Kletterlandschaft
ergibt. Eigentlich gefiel mir das ja richtig gut, zumal ich auch
noch direkt vor dem Fenster sitzen konnte, hinter der Gardine versteckt
für neugierige Blicke mit dem Ausblick in unseren eigenen Garten,
in dem die Vögel in den fünf vorhandenen Obstbäumen
herumspringen.
Das Wochenende überstand ich ganz gut und Mona war sich sicher,
dass ich mich einleben würde. Doch dann machte sie einen großen
Fehler und vergaß, der Putzfrau abzusagen für den Montag
danach. Ich lag morgens schlafend auf meinem Kratzbaum, als plötzlich
die Tür aufging und diese fremde Frau herein kam. Ich verhielt
mich ganz still und versuchte, nicht aufzufallen. Aber irgendwann
kam sie mit dem Staubsauger bewaffnet in meinen Raum und der einzige
Weg da raus führte an ihr vorbei. Ich raste vom Kratzbaum runter,
sprang über ein Mäuerchen und bemerkte dabei gar nicht,
dass der Bilderrahmen von meinem Popo gestreift wurde. Als er hinter
mir zu allem Lärm, den der Staubsauger und die aufschreiende
Putzfrau schon machten, auch noch lautstark in tausend Teile zersprang,
dachte ich, mir bleibt das Herz stehen. Ich verschwand hinter dem
erst besten Ding, das mir ein Versteck bot und blieb dort, hinter
dem Wohnzimmerschrank, sitzen. Ich zitterte am ganzen Körper,
meine Sinne schienen jedes Detail um 1000 Prozent deutlicher wahrzunehmen
und jedes noch so kleine Geräusch brachte mich erneut zum Zucken.
Es war gegen 10.00 Uhr morgens und ich dachte, es würde nun
nie wieder besser werden. Diese fremde Wohnung gefiel mir nicht.
Fremde Leute mit lauten, Krach verursachenden Geräten, die
in meine Privatsphäre eindringen, alles ist anders und überhaupt
nicht gemütlich und Mona ist auch nicht da. Nein, hier wollte
ich nicht sein!
Abends gegen halb fünf kam Mona zurück in die Wohnung,
die sie nun "zu Hause" nennen wollte. Ich saß natürlich
immer noch hinter dem Wohnzimmerschrank, immer noch zitternd und
mit Augen so groß wie Untertassen. Mona hockte sich vor den
Schrank und bettelte und lockte, ich möge doch da raus kommen.
Sie verspräche auch, dass nichts schlimmes mehr passieren würde.
Nach insgesamt 9 Stunden hinterm Schrank traute ich mich noch mal
hervor, nur kurz, lief einmal in der Wohnung rund und verschwand
wieder hinter dem Schrank. Mir war bewusst, dass an einen Auszug
so schnell nicht zu denken war. Also musste ich mir ein Versteck
suchen, etwas, wo mich keiner fand und wo mir so schnell auch niemand
nach kommen konnte. Dafür musste ich aber genügend Mut
finden, mein derzeitiges Versteck, das nicht wirklich gut und schon
gar nicht gemütlich war, zu verlassen.
Ich fand auch eines, nach ein paar Tagen. Anfangs war es so gut,
dass Mona mich gar nicht fand und somit auch niemand sonst. Aber
nun kennt Mona mein Versteck, das ist aber auch okay so, denn sie
lässt mich in Ruhe, wenn sie weiß, dass irgendetwas da
ist, was ich nicht mag und sagt mir Bescheid, wenn die Gefahr vorüber
ist.
Die Putzfrau habe ich seitdem nie wieder gesehen. Mona putzt seit
dieser Episode selbst. Auch dann habe ich Angst vor dem Staubsauger.
Vor allem beim ersten Mal, als Mona zu staubsaugen anfing. Ich weiß
auch nicht, aber ich sehe bei dem Ding nur noch das sprichwörtliche
Rot. Ich kann nicht mehr klar denken und ob das Mona ist oder ein
Alien, der da mit dem Staubsaugerding rumhantiert, spielt gar keine
Rolle. Als ich Mona mit dem Teil das erste Mal sah, geriet ich wieder
in Panik und wollte vom Kratzbaum runterspringen. Dazu nahm ich
aber nicht den normalen direkten Weg nach vorne, sondern wollte
hinten entlang runter, wo die Gardine ist. Irgendwie hat sich die
Gardinenschnur dabei um meinen Hals gelegt und mit meinem Gewicht
riss ich die Gardine oben aus der Führungsschiene. Trotzdem
lag die Schnur noch immer um meinen Hals und schnürte mir die
Luft ab. Zu meinem Glück hat Mona den Staubsauger sofort ausgemacht
und kam nachsehen, warum ich auf einmal so still war und nicht weiter
flüchten wollte. Sie riss die Schnur von meinem Hals, als sie
merkte, dass ich ihr gar nichts mehr sagen konnte, sondern nur noch
röchelte. Die Schnur ist ja sinnigerweise passend zu meinem
Fellkleid auch weiß und es dauerte einige Zeit, ehe Mona überhaupt
realisierte, was passiert war.
Danach war meine Feindschaft zu dem Staubsauger natürlich noch
mehr besiegelt und bei seinem Anblick empfand ich schon den körperlichen
Schmerz, den er mir vorher verursacht hatte. Aber wir haben eine
halbwegs passable Lösung gefunden, Mona passt nämlich
jetzt zum Staubsaugen immer die Momente ab, während derer ich
in meinem Wandschrank in meinem Versteck unter den Wintermänteln
liege. Dort ist es schön warm, kuschelig, und vor allem werden
die Geräusche etwas gedämpft. So halte ich es aus, unter
Überwindung aller tierischen Urinstinkte aber nur und auch
nur, weil ich sehe, dass Mona diejenige ist, die staubsaugt.
Ich finde es viel netter, wenn Mona selbst die Arbeit erledigt,
als ständig eine fremde Frau in der Wohnung zu haben. Mona
sieht zwar manchmal nicht ganz so glücklich damit aus, denn
Hausarbeit scheint nicht so ganz ihr Ding zu sein, aber sie sagt,
aus Liebe zu mir, würde sie das eben machen.
Und ich liebe sie dafür auch, meine Mona, und ich bin sicher,
dass wir in Litauen auch ohne Putzfrau glücklich und zufrieden
leben können, jetzt wo sich alles wieder eingerenkt hat. :-)
Wilna, 29.10.2005
Nachtrag vom Januar 2006:
Seit einigen Wochen macht mir der Staubsauger nicht mehr soviel
Angst. Ich bleibe sogar auf meinem Kratzbaum liegen, wenn er in
Aktion tritt, aber nur solange er nicht zu nahe kommt, was Mona
meistens verhindert. Und in der neuen Wohnung fühle ich mich
jetzt pudelwohl. :-)
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