Katz' zieht um

Nun, manch einer mag sicherlich denken, daß das Leben als Stubentiger langweilig sein muß. Aber, ich kann Euch sagen: Weit gefehlt! Das Leben ist ein Abenteuer und zwar für jeden, der es als solches angeht! Okay, das Abenteuer des regelmäßigen Umzugs über die Landesgrenzen hinaus hat nicht jede Miezekatze, aber für uns Miezen selbst ist das auch eigentlich nicht besonders erstrebenswert. Auch wenn es hinterher immer eine Menge zu erzählen gibt und man sich richtig todesmutig vorkommt, wenn es vorbei ist. Aber unter uns: Wenn man gerade mittendrin steckt, ist man alles andere als todesmutig und man wünscht sich nichts sehnlicher, als eeeeendlich anzukommen!

Als Diplomat hat man nämlich leider doch nicht nur Sonderrechte und so blieb mir die Reise mit dem großen krachmachenden Fliegedings leider nicht erspart. Mona hatte eine Kiste gekauft, die mich schon hätte stutzig machen sollen, aber ich habe es definitiv nicht kapiert, was sie damit wollte. Und als ich es kapierte, nun, da war es zu spät, um noch zu protestieren. Mona hatte einen Berg von Papieren dabei, die alle dazu da waren, daß ich aus China raus und in Deutschland wieder rein gelassen wurde und mit den Papieren in der einen und mir in meiner Kiste in der anderen Hand machte sie sich auf den Weg Richtung "Flughafen", und ich wußte damals nicht mal, wie man das schreibt, ganz zu schweigen, was es IST.

Dort angekommen, merkte ich, wie man mich in meiner Kiste von Mona wegtrug und plötzlich war ich umgeben von fremden Stimmen und lautem Getöse. Und dann wurde es plötzlich etwas ruhiger und alles war dunkel. Von Mona war weit und breit nichts mehr zu sehen. Kurz danach merkte ich, wie irgendwo ein riesiger Motor zu röhren anfing und ich bekam es ehrlich mit der Angst zu tun! Was, wenn diese riesige Maschine mich einfach verschlucken würde?! Alles Rufen nach Mona half nicht, sie tauchte nicht auf. Ich konnte ja auch nicht wissen, daß sie an einem anderen Ort im Bauch dieser riesigen Maschine saß und sich genauso sehnlichst wünschte, bei mir zu sein wie umgekehrt. Ich fühlte mich sooo einsam! Dann ganz plötzlich fing die Welt an zu rumpeln und zu stoßen und ich dachte, ein Erdbeben wäre losgegangen. Komisch, dachte ich noch, sonst merken wir das doch immer viel früher, dank unserer Instinkte. Diesmal erwischt mich das Erdbeben eiskalt ohne Vorbereitung. Und dann spürte ich, wie ich ganz leicht zu werden schien und wie das Rumpeln etwas nachließ und durch ein stetiges Rauschen ersetzt wurde. Das Rauschen wirkte einschläfernd und da ich ohnehin nichts an meiner Situation ändern konnte, versuchte ich, etwas zu schlafen.

Nach unglaublich vielen Stunden in dieser Kiste, Mona sagte, der Flug habe 8,5 Stunden gedauert, aber da ist die Zeit nicht mitgerechnet, wo wir noch gar nicht oder nicht mehr geflogen sind, rumpelte wieder alles und plötzlich ging Licht an. Fremde Leute kamen und trugen mich aus dem Bauch der Maschine raus in eine große Halle. In dieser Halle waren ganz viele Menschen und alle fuhren sie mit Koffern und Gepäckstücken durch die Gegend. Alle waren furchtbar aufgeregt und plapperten durcheinander, also dachte ich mir, ich plappere besser mit, bevor man mich noch übersieht. Also miaute ich so kräftig ich nur konnte und es wirkte: Mona fand mich und stand plötzlich vor meiner Kiste. Sie faselte etwas von "bin ich froh, dich zu sehen" und wuchtete meine Kiste zusammen mit ihren Koffern auf eine Art Auto ohne Motor.

Vor der Halle standen in der Menge von Menschen zwei Leute, die auf uns warteten. Eine davon kannte ich bereits. Das war Monas Mama, die hatte uns schon zweimal in Peking besucht. War ich froh eine vertraute Stimme zu hören! Neben ihr stand ein Mann mit einer dunklen Stimme. Er kannte meinen Namen, denn er rief nach mir und steckte seinen Finger durch die Gitter in meiner Kiste. Ich wich vorsichtshalber mal etwas zurück, man kann ja nie wissen...

Man rollte mich durch viele Hallen und Gänge und schließlich saß ich in meiner Kiste neben Mona auf der Rückbank eines fremden Autos. Mona streckte mir ihre Hand zu und ihr Geruch beruhigte mich einigermaßen. Die Fahrt mit dem Auto dauerte ca. 2 Stunden und als wir ankamen, war ich fest davon überzeugt, daß wir uns verfahren hatten. Ich wußte ja immer noch nicht den Grund für diese ganzen Unternehmungen, aber ich war mir sicher, daß wir früher oder später wieder heimfahren würden. Und nun stand ich plötzlich vor einem wildfremden Haus! Was war hier eigentlich los?

Mona und ihre Eltern, ich hatte mittlerweile rausgefunden, daß der fremde Mann Monas Vater war, stellten meine Kiste auf dem Boden ab und öffneten mir die Türe. Ich wußte überhaupt nicht, wo ich war und so suchte ich mir erst mal eine Ecke unter dem Sofa aus, das genau vor mir stand und verschwand darunter. Fürs erste hatte ich definitiv genug Abenteuer!

Man hatte mir Futter und Wasser und - dem Himmel sei dank! - ein Katzenklo bereitgestellt. Nachdem ich mich ein wenig vom dem Schock erholt hatte, ging ich meinen lebenserhaltenden Trieben nach und verkroch mich dann im Schlafzimmer unter einem Bett, das so sehr nach Mona roch, daß ich die Augen schließen konnte und mir einbildete, wieder zu Hause zu sein. Am nächsten Morgen kam Mona dann zu mir gekrochen und überzeugte mich davon, daß ich meine Umgebung erkunden sollte. Mit ihr an meiner Seite erkundete ich also alle Zimmer und Ecken in meiner neuen Umgebung und freundete mich langsam mit meinen neuen Gastgebern an. Mama kannte ich ja schon, das war kein Problem, aber bei Papa hatte ich anfangs etwas Schwierigkeiten. Ich war ja gar keine Männer gewöhnt und seine tiefe Stimme und sein rauher Handgriff erschreckten mich zu Anfang doch sehr. Aber sehr bald entdeckte ich, daß man mit ihm prima spielen konnte und vor allem, wenn wir das machten, was er "Krieg spielen" nannte, war er besser als alle anderen, mit denen ich je gespielt hatte! Er hielt seine Hand hin, egal ob ich mit oder ohne Krallen und Zähnen zupackte und schien auch noch Spaß zu haben, wenn ich ein wenig über die Stränge schlug. Mona ist da nicht so tapfer...

Anfangs hatte ich noch Angst, wenn vor dem Fenster plötzlich Autos vorbeifuhren, die so groß wie unser Haus zu sein schienen und furchtbar viel Krach machten. In Peking hatten wir im 13. Stockwerk gewohnt und Autos kannte ich nur in Form von kleinen hin und her wuselnden bunten Vierecken ganz weit unter uns. Und nun plötzlich waren die so groß, daß man Angst hatte, sie würden einen übersehen.

Nachts schlief ich bei Mona im Bett und ab und zu besuchte ich Mama und Papa in ihrem - wenn auch nicht immer unter zustimmender Begeisterung ihrerseits. Das Leben war wieder schön. Und auch als Mona plötzlich abreiste und mich allein bei Mama und Papa zurückließ, war ich zwar traurig, aber ich wußte, daß man sich gut um mich kümmern würde und daß ich mindestens genau so geliebt wurde und zurücklieben konnte, wie bei Mona.

Ein halbes Jahr später kam Mona dann zurück und wir mußten wieder in das laute Fliegedings klettern. Diesmal wußte ich ja, was auf mich zukommt und war darum nicht ganz so aufgeregt. Der Flug war außerdem kürzer und als wir in New York, unserem neuen zu Hause für die nächsten vier Jahre ankamen, standen hier all die Möbel, die ich schon von Peking her kannte und es roch eigenartig vertraut und gleichzeitig neu. Manchmal saß ich anfangs auf einem Schrank oder Tisch und war ganz verwirrt, denn ich konnte mich erinnern, daß ich von diesem Platz aus irgendwo hinspringen konnte, was jetzt plötzlich ganz woanders stand. Ich war aber schnell an alles Neue gewöhnt und fühle mich nun so heimisch hier, als sei es nie andes gewesen.

New York, Mai 2003

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