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Wie alles begann - Mona berichtet
Seit dem 25.11.1999 wohnt
Jimmy bei mir, er war bei Einzug 8 Wochen alt, hat vier Pfoten,
miaut und ist schneeweiß (wenn er nicht gerade unter einem
Heizungskörper saubermacht - äh - herumrobbt).
Als ich ihn Donnerstags
abends "adoptiert" habe, war er noch wirklich winzig,
ein richtiges Baby, gerade von der Mutter entwöhnt und so niedlich,
daß ich nicht anders konnte. Ich hatte mir zwar eigentlich
auch ziemlich fest vorgenommen, mit einem neuen Hausbewohner zurückzukommen,
aber ich hätte auch gar nicht mehr anders gekonnt, als ich
ihn einmal auf dem Arm hatte. Er verhielt sich auf meinem Arm mucksmäuschenstill,
wohl eher, um nicht aufzufallen, als aus dem Grund, daß er
mich besonders mochte. Seine Mutter war sehr zutraulich und forderte
jeden Fremden gleich dazu auf, sie zu kraulen und mit ihr zu spielen.
Jimmy und seine Schwester machten sich, sobald es ihnen "an
den Kragen" gehen sollte, aus dem Staub und verkrochen sich
hinter dem Schrank.
Die Wohnung, in der Jimmy
bis dahin gelebt hatte, war eine typisch chinesische Einzimmerwohnung,
die allerdings - eher untypisch für Chinesen - vollgestopft
war mit Katzen und deren Hygieneartikel. Auf höchstens 20 qm
Wohnfläche befanden sich ein Bett, ein Schrank, ein Tisch,
zwei Stühle, ein Fernseher und ansonsten nur literweise Katzenstreu,
kistenweise Katzenfutter, Katzenklos und vier Katzen: die Katzenmutter,
eine etwas neurotische "Katzentante", die nur herumfauchte,
und zwei Babies. Bei der Vorstellung, so leben zu müssen (als
Katze ja ganz angenehm, aber als Mensch?), kam mir kurz in den Sinn,
daß diese Katzenliebe dann doch etwas weit geht...
Die beiden Katzenbabies
waren ein Mädchen und eben Jimmy. Das Kätzchen maunzte
ohne Unterlaß und es wurde erzählt, daß sie die
Wildere der beiden sei. Außerdem sah sie aus, als sei ihr
während der Morgentoilette der Föhn explodiert, ihre langen,
kunterbunten Haare standen in allen Richtungen vom Körper ab
und sie selbst war vor lauter Fell gar nicht mehr zu erkennen. Bestimmt
wird sie mal ein hübsches Ding, das den Katern die Köpfe
verdreht, wenn sie erst in das Fell hineingewachsen ist, aber zur
Zeit sah sie noch ein wenig "außergewöhnlich"
aus. Mir fiel spontan der Name "Flocati", nach dem gleichnamigen
Teppich, ein. Meine Kollegin, die ebenfalls auf der Suche nach einem
neuen Mitbewohner war, war ganz begeistert von dem explodierten
Wollknäuel und ich wollte den schneeweißen Winzling Jimmy
nicht mehr loslassen. Also sind wir beide noch am gleichen Abend
mit unseren frisch adoptierten Miezekatzen nach Hause gezogen.
Zum Glück hatte ich
Freitags und den Montag darauf frei, so daß sich Jimmy zumindest
etwas an mich gewöhnen konnte. Die ersten 24 Stunden waren
natürlich der reinste Terror für mich und Horror für
Jimmy. Er verschwand, sobald ich ihn losgelassen hatte, unter dem
Heizungskörper im Wohnzimmer, wo ich nur unter möbelrückendem
Aufwand wieder an ihn herangekommen wäre und weinte von da
an in einem immerwiederkehrenden entnervenden Ton vor sich hin.
Er fraß nicht, er bewegte sich nicht vom Fleck und er ging
auch nicht auf's Klo, rief nur unablässig nach der Mutter.
Da er bis dahin auf einer
Wohnfläche von 20 qm gehaust hatte, ließ ich erst mal
die Wohnzimmertür geschlossen und hielt ihn nur im Wohn- und
Gästezimmer, so daß er nicht gleich denken mußte,
er sei die einzige Katze auf dem ganzen Planeten Erde. Schon das
Wohn- und Gästezimmer war ein Riesenterrain für ihn. Ich
baute die Couch um und schlief dort, damit er die ganze Zeit merkte,
daß ich in der Nähe bin, auch wenn ihn das zu Anfang
noch alles andere als beruhigte, sondern eher die Aufregung steigerte.
Aber wir beide hatten ja nur vier volle Tage, um uns kennenzulernen,
danach mußte ich wieder arbeiten gehen.
Nachdem er die halbe Nacht
unter der Heizung verbracht hatte, hörte ich nachts nicht ohne
Erleichterung sein Scharren im Katzenklo. Das hatte er also von
der Mutter gelernt und ich brauchte mir keine Sorgen darüber
zu machen, wie ich ihm die Sache mit der Sauberkeit beibringen sollte.
Fressen wollte er aber noch nicht.
Den ganzen Freitag über
blieb er in seinem Versteck, das er mittlerweile verlagert hatte
in eine Ecke hinter meinem Fernseher, wo ein Transformator lag,
der Wärme ausstrahlte. Diesen Platz hatte er sich wohlweislich
in der Nacht ausspioniert, um sich daran zu wärmen, meine Körperwärme
war ihm noch zu suspekt, um freiwillig den Kontakt zu suchen.
Gegen Abend habe ich ihm
dann eine Dosis "Zwangsliebe" verpaßt. Ich habe
etwas Haferbrei gekocht und ihn auf den Schoß genommen. Dies
ließ er sich mit hängenden Ohren gefallen, aber als ich
ihm den Haferbrei an die Lippen schmierte, bekam er anscheinend
Appetit. Als ich ihn losließ, verschwand er nicht wieder in
einer Ecke, sondern ging zum ersten Mal Richtung Futternapf und
schlug sich den Bauch voll. Danach kam er zurück und setzte
sich auf eine Decke, die ich neben dem Sofa für ihn bereitgelegt
hatte. Von dort aus konnte er mich im Blick halten und beobachten,
ob ich wirklich so ein Monster war, wie es den Anschein hatte, ohne
aber direkt in unmittelbar Nähe von mir sein zu müssen.
Von da an gingen die ersten
Annäherungsversuche los. Das ewige Maunzen ließ nach
- mit kurzen Unterbrechungen, wo er sich anscheinend daran erinnerte,
wie es jetzt wäre, wenn Mama da wäre, und er lugte ab
und zu vorsichtig auf's Sofa, auf dem ich mich weiterhin ruhig verhielt.
Abends war ich bei einer Freundin eingeladen zum Essen und ließ
Jimmy zum ersten Mal einige Zeit allein. Das war wohl eine Art "heilender
Schock", denn als ich wiederkam, hatte er anscheinend den Unterschied
bemerkt, wie es ist, wenn nicht nur die Mutter, sondern auch ich
nicht mal mehr da bin. Er empfing mich schon deutlich wärmer
und ließ mich sogar sein seidiges Fell streicheln.
Ich ließ mich wieder
auf dem Sofa nieder und schlug mein Lager dort für die Nacht
auf. Die nächsten zwei Tage bis Sonntag abend blieb ich dort
und Jimmy akzeptierte mich immer mehr. Zunächst nur, solange
ich auf dem Sofa saß oder lag, wenn ich anfing, durch die
Wohnung zu laufen, verkroch er sich schnell wieder. Doch bald hatte
er auch raus, daß diese stampfenden tolpatschigen Beine wohl
unabänderlich zu mir gehörten, und akzeptierte auch, wenn
ich herumlief, daß ich immer noch dieselbe war.
Sonntag abends, nachdem
wir auf dem Sofa - meinem Tag- und Nachtlager - schon einige Spiele
hinter uns gebracht hatten und er mich als seinen Spiel- und Lebensgefährten
anerkannt hatte, war ich mir ziemlich sicher, daß ich nicht
mehr auf dem Sofa schlafen wollte, wenn ich am nächsten Tag
noch gerade stehen können wollte.
Seit Samstag abend hatte
ich die Wohnzimmertür aufgelassen und Jimmy hat des öfteren
Ausflüge in die benachbarten Zimmer gemacht, allerdings immer
ohne mich und er kehrte auch immer ziemlich schnell wieder zurück
von seinen Besichtigungstouren. Ich schnappte mir also die Decken,
die bisher auf dem Sofa gelegen hatten und deren Geruch er wohl
wiedererkennen würde, und legte sie aufs Bett. Dann holte ich
Jimmy und trug ihn ins Schlafzimmer, wobei ich fest damit rechnete,
daß jetzt die nächsten zwei Stunden wieder eine "Heizungssitzung
mit Dauerweinen" bevorstehen würde. Aber er überraschte
mich, indem er sich auf dem Bett einmal um sich selbst drehte, mich
anguckte, miaute und sich dann bereitwillig hinlegte, um die Nacht
hier zu verbringen.
Seitdem sind wir dicke
Freunde und egal, in welchem Zimmer ich mich aufhalte, Jimmy ist
nicht weit weg. Er sitzt mit am Computer und schaut gebannt auf
meine Finger, wie sie über die Tastatur fliegen, was ihn nicht
selten dazu veranlaßt, ein wenig "mitzutippen" oder
nach meinen Fingern zu angeln, er läßt sich bereitwillig
das Fell mit Seife, Wasser und Waschlappen säubern, wenn er
wieder mal irgendwelche ungesäuberten Ecken meiner Wohnung
gereinigt hat, er läßt sich die Krallen pflegen (mit
zwar hängenden Ohren aber doch einigermaßen schicksalsergeben)
und er schläft auf meinem Schoß, seine Unterseite mir
entgegengestreckt, damit ich ihn auch überall da kraule, wo
es gut tut.
Tagsüber schläft
er viel und wenn ich abends nach Hause komme, ist erst mal eine
Runde Spielen angesagt. Dabei geht es natürlich über Tisch
und Bank, aber bisher ist - toi toi toi - noch nicht viel zu Bruch
gegangen. Außer mein Beamtenkraut, das ich so liebevoll gepflegt
habe, das ist ihm zum Opfer gefallen. Dort rupft er fein säuberlich
ein Blättchen nach dem anderen aus, um damit dann zu spielen
und teilweise zu fressen. Die Pflanze sieht ein wenig zerfleddert
aus, aber solange es bei dieser einen bleibt, bin ich ja schon zufrieden.
Die Chinesen, von denen
ich ihn bekommen habe, sind Tierschützer und haben bei verschiedenen
Privatleuten eine Menge Katzen zur Pflege untergebracht. Sie bieten
eine Art Fulltimeservice an, d. h. sie gehen mit mir zum Tierarzt
(der ja nur Chinesisch spricht), ich kann Jimmy dort unterbringen,
wenn ich in Urlaub bin und ich kann zu jeder Tages- und Nachtzeit
dort anrufen, wenn ich Probleme habe.
Mein schlechtes Gewissen,
daß Jimmy nun immer auf der Wohnung eingesperrt sein wird
und nicht draußen herumtoben kann, wird ausgeglichen, wenn
ich mir vorstelle, welche anderen Schicksale evtl. das Leben für
ihn bereit gehalten hätte. Ich denke, bei mir zu leben ist
das kleinere Übel im Vergleich zu einem Leben als Katze in
China, was sicher nicht sonderlich einfach wäre.
Peking, Dezember 1999
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