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Kapitel 2 - Ginny findet ein Zuhause
Mit meinen vierzig Jahren steckte ich
tief in einer Depression. Trotz allem, was ich durchgemacht hatte,
bestand noch immer die Gefahr, daß mein Arm letztendlich doch
noch abgenommen werden müßte und unter konstanten Schmerzen
und in meiner katastrophalen finanziellen Situation leidend, war
mir selbst das egal. Der beste Teil meines Lebens war vorüber.
Die meisten meiner Freunde waren aus meinem Leben verschwunden,
aber es gab noch immer eine gute Freundin, die zu mir hielt: Sheilah
Harris, die gegenüber im gleichen Apartmentkomplex wohnt. Sheilah
war wirklich um mich besorgt, sah mich und mein Leben den Bach runter
gehen und wollte es nicht zulassen. "Ich schäme mich für
Dich!", sagte sie mir ins Gesicht, etwa einen Monat nachdem
ich aus dem Krankenhaus entlassen worden war. "Sieh Dich nur
an! Du mußt etwas mit Dir selbst anfangen, so kannst Du jedenfalls
nicht weitermachen! Steh auf! Wir besorgen Dir einen Hund!"
"Einen Hund?" Wovon sprach sie überhaupt? Ich konnte
meinen Ohren nicht glauben. Ich konnte kaum auf mich selbst achtgeben,
wie sollte ich da ein Tier versorgen, einen Hund füttern und
mit ihm spazierengehen?
Aber Sheilah wußte, daß ein
bißchen Verantwortung genau das war, was ich brauchte und
so brachte sie mich dazu, mit ihr in ein Tierheim zu fahren. Auf
der Fahrt dorthin ging mir immer wieder durch den Kopf, wieviel
Schwierigkeiten ich damit haben würde, ein Tier zu versorgen.
Doch langsam gewöhnte ich mich an den Gedanken. Mein Wunschdenken
drehte sich vor allem um einen großen Hund, einen Deutschen
Schäferhund z. B., oder einen Rottweiler. Ich dachte an ein
reinrassiges Tier, um das die Menschen mich beneiden würden.
Im Tierheim angekommen, schlug Kenny
Colon, der Tierheimangestellte, mir vor, eine Katze zu adoptieren.
"Katzen sind einfache Haustiere, sie halten sich selbst sauber
und man muß nicht in jedem Wetter mit ihnen vor die Tür.",
sagte er diplomatisch. "Katzen sagen mir nichts." Antwortete
ich wahrheitsgemäß, ohne zu wissen, daß diese Worte
mich eines Tages Lügen strafen würden. Ich fragte nach
einem großen Hund und Kenny nahm mich mit in einen Raum voller
Käfige, in denen Hunde und Katzen auf ihre Adoption warteten.
Ich ging von Käfig zu Käfig, aber keiner der Hunde, die
ich sah, reizte mich sonderlich. In einem weiteren, kleineren Raum,
sah ich schließlich in einem Käfig einen Dobermann, der
sein Quartier mit einem Welpen teilte, der aus der Entfernung vielleicht
ein Deutscher Schäferhund hätte sein können. Das
Tier lag im hinteren Teil des Käfigs in einer Ecke zusammengerollt,
mit dem Gesicht zur Wand.Großartig, ich könnte einen
Schäferhundwelpen adoptieren. Obwohl es noch mehr Schwierigkeiten
bedeuten würde, denn ein Welpe wäre mehr Arbeit, aber
ein Tier, das mich von Welpe an kennt, wäre sicher anhänglicher
und treuer, da es nur mich kannte.
Kenny erklärte, daß es sich
bei dem Welpen keineswegs um einen solchen handelte, nicht einmal
um einen Schäferhund. Das Tier war ca. 1 Jahr alt und hatte
kürzlich Junge bekommen. Beide Tiere waren gerade erst sterilisiert
worden und erholten sich noch von dem Eingriff. Die kleine Töle
war kein Schäferhundwelpe, sondern vielmehr eine ausgewachsene
Straßengrabenmischung. Als ich das hörte, verlor ich
mein Interesse an ihr. Sie war in keinster Weise der Macho-Rassehund,
wie ich ihn mir vorgestellt hatte.
"Nein, vergessen Sie es.",
sagte ich. "Die will ich nicht. Ist der Doberman freigegeben
zur Adoption?". Noch während ich das fragte, hatte sich
die kleine Mischlingshündin aufgerappelt und hinkte in ihrem
Käfig nach vorne. Sie hatte große Schwierigkeiten zu
laufen, aber sie kam trotzdem mutig auf uns zu. Sie war eine merkwürdig
aussehende Mischung zwischen einem sibirischen Husky und einem Schnautzer
und noch etwas undefinierbaren. Aber sie hatte ein hübsches
Gesicht, mit leuchtenden Augen, weißen Augenbrauen und Barthaaren
und einem intelligenten, neugierigen und amüsierten Ausdruck.
Ihr Körper hingegen schien zu lang und dünn für die
krummen, dünnen Beinchen, die aus ihrer breitschultrigen Brust
heraus stakten, wie bei einem dieser kleinen VW Käfer, die
man manchmal mit imitiertem Rolls-Royce Kühlergrill herumfahren
sieht. Um ihre Taille war ein elastischer Verband gewickelt, der
ihre Operationsnaht verdeckte. Sie war kein reinrassiger Hund, aber
sie war freundlich und augenscheinlich auch tapfer, denn sie hatte
offensichtlich Schmerzen beim Gehen, was sie aber nicht davon abhielt,
auf uns zuzusteuern.
Wir hatten also etwas gemeinsam, dieser
kleine Hund und ich. Wir hatten beide eine schwere Operation hinter
uns und waren beide noch etwas wacklig auf den Beinen. Sie hatte
Nähte in ihrem Bauch, ich hatte sie in meinem Arm. Ich streckte
die Finger meiner linken Hand durch die Gitter und sie fing an,
begeistert daran zu lecken. Als er das sah, begann Kenny damit,
mich davon zu überzeugen, ihr ein neues Zuhause zu geben. "Gehen
Sie einfach mal mit ihr um den Block, so eine Art Testfahrt,"
schlug er vor. "Nein, ich bin nicht interessiert an ihr, ich
möchte den Dobermann haben." "Sie ist ein guter Hund,"
versuchte er mich weiter zu überreden, "Sie werden glücklich
mit ihr sein." Auch Sheilah fiel mit ein und versuchte mich,
von dem mageren Zottel zu überzeugen. Zuletzt ging ich mit
ihr spazieren, bloß um meine Ruhe zu haben. Ich würde
einmal mit ihr um den Block gehen und das war es dann.
Ich führte sie aus dem Tierheim
hinaus in den strahlend sonnigen Märztag. Die Hündin hinkte
an ihrer Leine neben mir her, bewegte sich langsam, aber strengte
sich offensichtlich an, mit mir mitzuhalten. Nicht, daß viel
Anstrengung nötig gewesen wäre, denn ich selbst hatte
noch einige Schwierigkeiten mit dem Laufen. Wir beide hatten überall
Schmerzen, was für ein Paar! Aber das Tier war offensichtlich
froh, aus ihrem Käfig zu kommen und in der frischen kühlen
Luft zu sein und einiges von ihrem Wohlgefühl sprang auf mich
über. Wir hatten ungefähr die Hälfte des Blocks hinter
uns gebracht, als sie plötzlich stehen blieb. Ich war einfach
nur drauf los gelaufen, ohne ihr groß Beachtung zu schenken.
Ich war begierig, den Spaziergang hinter mich zu bringen und zu
dem Dobermann zurückzukehren, und so zerrte ich ungeduldig
an ihrer Leine, als sie plötzlich stehenblieb und meine Zeit
nicht damit zu verschwenden, daß sie an einem Hydranten schnüffelte.
Aber als ich zu ihr hinab sah, bemerkte ich, daß sie überhaupt
nicht schnüffelte. Sie saß nur da und sah mich an. Als
sich unsere Augen trafen, spürte ich, wie mich ein kurzer Blitz
durchzuckte, so als sei eine Verbindung hergestellt worden. Ein
Funke sprang zwischen uns über und ich war nicht in der Lage,
meine Augen von den ihren zu lösen, ich hätte schwören
können, daß sie mich anlächelte. Das anziehendste
Hundegesicht schaute mich an, strahlend, intelligent, neugierig
und niedlich, alles gleichzeitig. Und etwas anderes zeigte sich
in ihrem Gesicht, etwas, für das ich damals keine Worte fand.
Etwas, das sich später als tiefe Weisheit, enorme Freundlichkeit
und Großzügigkeit ihrer Seele herausstellen sollte. Unter
ihren flauschigen weißen Augenbrauen hatte sie ein Paar Augen,
das einen Stein zum Schmelzen bringen würde, Augen die sympathisch,
fröhlich und wissend in die Welt blickten. Ein einziger Blick
genügte: Du wirst mein Hund, dachte ich.
Ich kann es nicht erklären und werde
es auch gar nicht erst versuchen. Ich weiß nur, daß
ich mich augenblicklich in ihr süßes Gesichtchen verliebt
hatte, von dem Moment an, daß ich in die Augen dieses Hundes
gesehen hatte, gab es kein zurück mehr. Nichts hätte Philip
Gonzalez jetzt noch dazu gebracht, sie wieder in ihren Tierheim-Käfig
zurückzuschicken.
Während ich die Adoptionspapiere
unterschrieb, erzählte Kenny mir das wenige, was er über
diesen Hund wußte:
Sie hatte einer Frau gehört, die
überhaupt kein Geld besaß und das wenige, das sie vom
Sozialamt erhielt, für Drogen ausgab. Ihr Vermieter kündigte
ihr schließlich die Wohnung und als er nach ihrem Auszug in
der Wohnung nach dem rechten sah, hörte er ein Geräusch
aus dem Schrank kommen. Als er nachsah, fand er die kleine, heruntergekommene
Hündin, die drei Welpen säugte. Das Tier war unterernährt,
völlig ausgetrocknet und dem Hungertod nahe. Die Besitzerin
hatte nicht nur ihre Miete nicht bezahlt, sie hatte auch ihren Hund
nicht gefüttert und als sie aus ihrer Wohnung geworfen wurde,
hat sie das Muttertier mit seinen Babies einfach zum Sterben zurückgelassen.
Man hatte sie ins Tierheim geholt und sie wieder aufgepäppelt.
Zwei ihrer Jungen waren bereits vermittelt worden und sie wurde
von dem letzten getrennt, um ihn zu entwöhnen und sie zu sterilisieren.
Ihr freundliches Naturell überzeugte die Tierheim-Angestellten,
daß man sie würde vermitteln können und so setzte
man sie in den Käfig zu dem Dobermann, wo ich sie schließlich
fand; und sie mich.
Als Kenny seine Geschichte beendete,
standen Tränen in meinen Augen und auch Sheilah schnupfte in
ihr Taschentuch. Hier stand ein Tier, das furchtbar unter der menschlichen
Grausamkeit und Nachlässigkeit gelitten hatte, aber sie hegte
keinerlei Groll gegen die menschliche Rasse. Obwohl sie von Menschen
mißbraucht und vernachlässigt worden war, blieb sie dabei,
Menschen zu mögen. Sie war sehr anhänglich mir gegenüber
und offensichtlich liebte sie Kenny. Sie schien mit allem zufrieden
zu sein und ihr sich aufgeregt windender kleiner Körper und
der wackelnde Schwanz sagten aus, daß die Welt ein wundervoller
Ort sei. Eine Meinung, die ich seit meinem Unfall nicht geteilt
hatte.
Als die Papiere unterzeichnet waren und
mein neuer Hund an seiner Leine neben mir her die Käfige entlang
schritt, hielt sie an dem Käfig an, in dem ihr letztes Junges
noch auf seine Adoption wartete. Sie küßte ihn zum Abschied
und leckte ihm ein letztes Mal mit ihrer rauhen Zunge. Man konnte
sehen, daß mein kleiner Hund genau wußte, daß
sie ihr Junges nie wieder sehen würde, denn sie wusch ihn dreimal,
von oben bis unten. Und sie sah ihn nie wieder, denn er fand schon
bald ein eigenes Zuhause.
Sobald wir im Auto saßen, sprang
sie auf meinen Schoß und drängte sich dicht an mich.
Sie drückte ihre Schnauze unter den Gurt und legte sie dicht
unter mein Kinn. Auf dem gesamten Heimweg kuschelte mein neues Haustier
auf diese Weise mit mir. Sie überzeugte mich davon, daß
auch sie wußte, daß sie mein neuer Hund sein würde.
Sheilah sammelt Ginny Puppen, etwas in
der Art wie Barbie Puppen, und ihr zu Ehren nannte ich den kleinen
Hund Ginny. Sie schien den Namen zu verstehen, denn sie reagierte
sofort mit Schwanzwedeln und Gesichtlecken darauf.
Es kam mir nicht in den Sinn, daß
mein Leben sich durch diesen im Stich gelassenen Hund von Grund
auf ändern würde und in eine Richtung verlaufen würde,
die ich mir in meinen wildesten Träumen nicht erträumt
hätte. Es kam mir auch nicht in den Sinn, daß so ungewöhnlich
Ginny äußerlich aussah, sie hundertmal mehr ungewöhnlich
in ihrem Innersten war; daß sie tatsächlich eine Gabe
besaß, die nur der Himmel schicken konnte. Hunde sind bekannt
für ihre Anhänglichkeit, Treue, Freundschaft, sogar Heldentum.
Ginny ist all das, aber sie hat und ist noch mehr, wie ich bald
herausfinden sollte.
Sobald ich mit Ginny in der Wohnung war,
rannte sie in meiner 1-Zimmerwohnung herum, ihr neues Zuhause untersuchend.
Sie schien zu mögen was sie sah, zumindest beschwerte sie sich
nicht. Sie war ziemlich erschöpft von den Ereignissen des Tages
und der kürzlichen Operation, und so legte sie sich nach ihrem
Rundgang erst mal auf das Sofa und hielt ein kurzes Nickerchen.
Für eine Weile saß ich neben ihr, beobachtete sie im
Schlaf und dachte darüber nach, wie ich für sie sorgen
würde mit nur einem brauchbaren Arm. Irgendwie erschien mir
die Aufgabe nicht mehr ganz so unlösbar, nun, da Ginny einmal
da war.
Als ich sie so ansah, tief und fest schlafend
und mit soviel Vertrauen an einem fremden Ort, kam es mir in den
Sinn, daß wir vieles gemeinsam hatten, Ginny und ich. Wir
waren beide verletzlich, waren beide schwer verletzt worden und
wir waren beide noch in der Genesungsphase. Aber Ginny war wahrscheinlich
noch schlimmer verletzt worden als ich, denn mein Schmerz war aufgrund
eines gedankenlosen Unfalls passiert, während ihr Schmerz durch
absichtliche Vernachlässigung und Grausamkeit gegenüber
einem wehrlosen Tier entstanden war. Und dennoch war in ihrem Herzen
keine Bitterkeit, ihr Wesen war immer noch freundlich und entgegenkommend.
Ginny liebte und vertraute der menschlichen Rasse noch immer, was
sie durch ihre sofortige Bindung an mich deutlich klar machte.
Auch wenn ich noch nicht soweit war,
es richtig zu verstehen, in all dem lag eine deutliche Nachricht
an mich. Doch wer konnte schon ahnen, wie lange es dauern würde,
bis ihre Lebensfreude auf mich abfärben würde?
Ginny schlief für ca. eine Stunde
und ich dachte etwas ängstlich daran, daß ich sie bald
zu ihrem ersten Spaziergang ausführen müsse. Würde
ich mit meiner Behinderung überhaupt in der Lage sein, ein
junges, ausgelassenes Tier an der Leine zu führen? Ich würde
mit Physiotherapie beginnen, sobald der Arm richtig verheilt war.Und
bis dahin, müßte die eine Hand reichen, es würde
eine Art von Therapie sein: Ich würde mich daran gewöhnen,
Dinge mit einer Hand zu erledigen.
Da sie noch ihre Leine anhatte, entschied
ich mich, sie sofort zu einem Spaziergang zu nehmen, um uns beide
an das neue Leben zu gewöhnen.Obwohl die Nachbarschaft völlig
fremd für sie war, und die neuen Gerüche und Dinge, die
sie sah, sie aufgeregt alles zu untersuchen einluden, humpelte Ginny
langsam und glücklich neben mir her, ohne an ihrer Leine zu
zerren oder zu versuchen, wegzulaufen. Gerade so, als wären
wir alte Freunde, Seite an Seite bei unserem täglichen Spaziergang.
Die Luft war frisch auf meinem Gesicht
und die Sonne schien. Es war gut, draußen zu sein. Ich fühlte
mich bereits ein ganzes Stück besser. Mit Ginny spazieren gehen
war schon fast das Selbstverständlichste auf der Welt. Es war,
als ob wir beide aus unseren Käfigen entkommen waren.
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| Philip Gonzalez mit Ginny |
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